Barock und Rokoko

Ein Artikel aus der Rubrik Geschichte.

In den galanten Zeiten des Barock und Rokoko gehörte es auch in Deutschland zum guten Ton, daß, wo immer sich Menschen gesellig versammelten, ein Spieltisch aufgestellt wurde. Spieltische waren das notwendige Requisit jeden Salons. Selbst bei den hochpolitischen Wahlen der deutschen Kaiser in Frankfurt wurde des Teufels Gebetbuch, wie man das Kartenspiel nannte, aufgelegt. Ein charakteristisches Bild entwirft der Geheime Rat Joh. Michael von Loen( 1694 bis 1776) in seinem “Brief über die Sitten der heutigen Welt” (Kleine Schriften, erschienen 1749). Darin heißt es: “Ich kann Ihnen nicht schreiben, mit welcher Großmut hier ganze Truppen von Weltweisen sich um die Wette bemühen, einander in der Verachtung des Geldes zu übertreffen. Einige haben ganze Berge von geprägtem Gold vor sich ausgeschüttet und geben solches dem blinden Glück preis. Ja mancher hat das Herz, soviel auf den einzigen Umschlag einer Karte zu setzen, als mein ganzes Landgut das Jahr über einträgt. Ich schämte mich bei dieser Gelegenheit, daß ich noch so viel Anhänglichkeit für das kleine Münzwesen hege …”

Dieser Geheime Rat v. Loen reiste durch manches Land Europas. Von einer Reise durch Holland berichtet er (Kl. Schrift, Bd. IV): “Im Übrigen kam ich wenig in die Gesellschaften, weil durchaus darin stark gespielt wurde.” An einer anderen Stelle heißt es: “Ich lernte hier verschiedene irrende Ritter, Spieler und Philosophen in Basset und Pharao kennen; darunter auch sogar welche waren, die den Titel von Gesandten und Ministern führten.”

Also auch damals wurden die routinierten Spieler “Philosophen” genannt wie heute die Systemspieler.
Giacomo Casanova (1725-98), einer der genialsten Abenteurer, die dem Barock und Rokoko das Gepräge gaben, weiß in seinen Memoiren neben den vielen amourösen Geschichten auch Erlebnisse aus dem üppigen Gesellschaftsleben seiner Zeit zu berichten. Sein Spielerglück öffnete ihm meist die Türen zu den Salons der obersten Gesellschaftsklassen.

Zwei charakteristische Episoden mögen diese Erlebnisse kennzeichnen. Als junger Mensch geriet er durch einen väterlichen Freund in den Salon eines gräflichen Ehepaars. Das liebenswürdige Entgegenkommen der Dame gestattete ihm, sie zu jeder Tageszeit zu besuchen. Zusammen mit der Gräfin spielte er fast jeden Abend halbpart gegen den Grafen. An zwei Abenden gewann er, am dritten verlor er jedoch außer dem Gewinn von den Vorabenden auch noch 500 Zechinen, die er nicht besaß, die er aber am nächsten Morgen dem Grafen auszahlen mußte. Die Furcht, seine Ehre zu verlieren, wenn er sie nicht zahlte – und er konnte sie nicht zahlen -, sowie das unangenehme Gefühl, vor seiner vermeintlichen Geliebten lächerlich zu erscheinen, prägten sich so verzweifelt auf seinem Gesicht aus, daß ihn sein väterlicher Freund fragte, warum er so verzweifelt sei. Casanova beichtete. Der Freund kannte die Hintergründe adeliger Salons in Venedig, wußte, was geschehen war, un versprach, die Schuld zu begleichen, jedoch nur, wenn er verspreche nicht mehr zu spielen. Der junge Mann versprach dies. Kurz darauf übergab ihm der Freund einen Brief des Grafen mit 40 Goldzechinen. Dazu versicherte der Graf, das Spiel des letzten Abends sei nur Scherz gewesen, Herr Casanova sei ihm nichts schuldig. Seine Partnerin, die Gräfin, schicke ihm anbei die Zechinen, die er bar verloren habe.
Er war vom Grafen und der Gräfin betrogen worden, sein Freund aber hatte sie gezwungen, ihren Raub herauszugeben.

In seiner großen Kavalierszeit traf Casanova bei einem befreundeten Grafen in Sulzbach einen Offizier, der leidenschaftlich Piquet spielte, aber immer das Spiel abbrach, sobald er 10-12 Louisdor gewonnen hatte. Außerdem war er so eifersüchtig, daß er seine schöne Freundin zwang, während des Spiels neben ihm zu sitzen, damit sich kein anderer Kavalier mit ihr unterhalten konnte. Mehrere Male hatte Casanova schon mit ihm gespielt, sich aber jedes Mal über die Unart des Spielabbruchs geärgert. Eines Tages weigerte er sich, ein Spiel mit ihm zu machen. Auf die Frage des Offiziers, warum, erwiderte Casanova höflich, sie seien zu verschieden im Spiel, er selbst spiele nur zu seinem Vergnügen, der Offizier dagegen, um zu gewinnen. Der Offizier meinte, das sei doch nur zu Casanovas Vorteil, der weniger geschickt spiele als er. Das wolle er beweisen. Casanova schlug daraufhin vor, unter der Bedingung zu spielen, daß, wer zuerst das Spiel aufgebe, 50 Louisdor verliere. Der Offizier akzeptierte. Beide legten je 50 Louisdor als Pfand auf den Tisch und begannen das Spiel. Um 9 Uhr abends drängten die Gesellschaft und der Offizier zum Abendessen. Casanova erklärte, er habe keinen Hunger. So mußte sein Partner weiterspielen. Sie spielten die ganze Nacht durch. Morgens beglückwünschte die Gesellschaft die beiden Spieler zu ihrer Ausdauer. Der Offizier schlug vor, die Wette solle für den verloren sein, der zuerst Essen bestelle oder länger als eine Viertelstunde vom Spieltisch sich entferne oder auf seinem Stuhl einschlafe. Casanova nahm an. Eine Tasse Schokolade wurde ihnen gereicht. Sie spielten weiter, über das Mittagessen hinaus, ja, die ganze Nacht durch, trotz flehentlicher Bitten der schönen Freundin, die Wette zu teilen. Am nächsten Morgen machte sich die Müdigkeit bei dem Offizier bemerkbar. Er saß leichenblaß auf seinem Stuhl, machte Fehler über Fehler, brachte die Karten durcheinander, zählte falsch. Casanova, selbst erschöpft, wartete darauf, seinen Gegner tot hinsinken zu sehen. In Gegenwart der Freundin provozierte Casanova einen Streit mit dem Offizier, beschuldigte ihn, länger als eine Viertelstunde weggeblieben zu sein, was den Offizier maßlos erregte, ihn selbst aber ermunterte. Wieder wurde ihnen eine Fleischbrühe gebracht. Die schöne Freundin beschwor Casanova, aufzuhören. Casanova antwortete ihr in liebenswürdigster Weise, was den Offizier maßlos erboste. Müdigkeit und Ärger schwächten zuletzt den Offizier so sehr, daß er ohnmächtig umfiel. Casanova hatte den 42stündigen Kampf überstanden und eine Menge Gold gewonnen.

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