Charles Lucien Bonaparte

Ein Artikel aus der Rubrik Berühmte Spieler.

Kaiser Napoleon I. hatte die österreichische Kaisertochter geheiratet, um seiner Krone eine gewisse Legitimität zu geben. Zu gleicher Zeit heiratete sein Bruder Lucien die Tochter eines Kneipwirts und wurde wegen dieser Mißheirat vom Hofe verbannt. Der Querkopf Lucien ging aber nach Rom, machte sich beim Vatikan beliebt – ein Bonaparte bedeutete immerhin etwas für den Kirchenstaat -, wurde mit den Fürstentümern Canino und Musignano belehnt und war damit ebenfalls regierender Fürst. Sein 1803 geborener Sohn, Prinz Charles Lucien, entwickelte sich zu einem Querkopf und tollen Burschen wie sein Vater. Neben seinen friedlichen ornithologischen Studien mischte er sich in politische Händel in den Jahren um 1848, machte als Ultrademokrat seinem Vetter, dem späteren Kaiser Napoleon III., viel Kummer. Gegen die Versuche der Franzosen, sich Roms zu bemächtigen, organisierte er Protestaktionen. Er wurde verhaftet, aber es kam zur Versöhnung mit seinem Vetter, der ihn 1850 nach Paris kommen ließ, um ihn trotz seiner revolutionären Posen als Freund der Klerikalen für seine Politik auszunutzen.
Ein feiner Charakter war Lucien Charles Napoleon jedoch nicht. Sein Porträt zeigt überraschende Ähnlichkeit mit dem großen Korsen. Vielleicht war seine Spielleidenschaft ein Rest genialen Erbguts. Er war einer der großen und gefürchteten Spieler seiner Zeit.
Bad Homburg wurde sein Schlachtfeld. Nach Conte Cortis Bericht erschien er am 26. September 1852 zum erstenmal im Kurhaus. Stiernackig, mit flackernden Augen, einen Haufen Goldmünzen vor sich, mit breit aufgestützten Armen, so saß er am Spieltisch. Er spielte nur das Maximum. In drei Tagen, bis zum 29. September, hatte er 180.000 Franken gewonnen, ein gefährlicher Verlust für die Bank, deren gesamter Betriebsstock nur 300.000 betrug. An diesem Tag ging der Bank das Geld aus, man mußte das Spiel vorzeitig abbrechen.
Die Situation der Bank wurde heikel. Direktor Trittler fuhr nach Frankfurt und bot Rothschild die 400 Stück Aktien der Casino-Gesellschaft für 200.000 Gulden an. Rothschild war vorsichtig. Er verlangte eine Garantie des Besitzers der Bank, Francois Blanc, der sich in Paris aufhielt. Es gab Verzögerungen. Die Bank wurde aber wieder flott, denn es waren genug Spieler da, die beträchtlich verloren. Der Prinz hatte sich nicht sehen lassen.
Als er am 2. Oktober wieder erschien, spielte er mit Höchstsatz, und hatte bis zehn Uhr abends nur Verluste. Die Direktion der Bank atmete auf. Plötzlich schlug das Glück um. In ganz kurzer Zeit hatte der Prinz 560.000 gewonnen. Die Bank war fertig.
Am anderen Morgen trat die Direktion zu einer Beratung zusammen, die Aktionäre wurden herangeholt, man erreichte einen Beschluß, daß die Höchstsätze von 4.000 auf 2.000 herabzusetzen seien. Das widersprach dem Statut, aber die Bank mußte sich helfen. Bei der Regierung des Landgrafen sollte beantragt werden, daß ein zweites Zero eingefügt werden dürfe. Da kam ein Telegramm von Blanc aus Paris, der 1.200.000 zur Verfügung stellte und befahl, das Spiel weiterzuführen.
Am gleidien Vormittag kam die Nachricht, der Prinz sei abgereist. Die Direktoren und Aktionäre wagten wieder zu lächeln, aber auch das Angebot Blancs mußte man annehmen, denn das verfügbare Kapital war auf 59.000 zusammengeschmolzen.
Nach 14 Tagen war der Verlust aufgeholt, aber in diesem Halbjahr wurden statt der bisher gezahlten Dividende von 72 Gulden je Aktie nur 37 gezahlt.
Dem Prinzen verdankte die Spielbank Homburg eine große Zeit. In Paris war mit der Thronbesteigung des Vetters als Napoleon III. Ruhe eingetreten, man hatte wieder Zeit für Konversation und Reisen, und Bad Homburg, wo der Prinz sein Glück gemacht hatte, wurde zum Treffpunkt der großen Pariser Gesellschaft. Francois Blanc hatte sein Ziel erreicht.

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