Das 19. Jahrhundert

Ein Artikel aus der Rubrik Geschichte.

Seit der Französischen Revolution heißt das beherrschende Glücksspiel: Roulette.
Die Revolutionäre von 1789 sahen in dem Glücksspiel eine Art Privileg des gestürzten Königstums und seiner Aristokratie und verboten es – in Privathäusern. Die öffentlichen Spielhallen im Palais Royal, im Salon Frascati blieben unangetastet. Jeder Bürger sollte hier das Recht haben, der Göttin des Glücks seine Opfer darzubringen und dem Staat seinen Pachtanteil. Aber die Revolutionäre übersahen dabei, daß auch sie die private Sphäre nicht völlig kontrollieren und dem Volk seine Heimspiele, den “Brelan” vor allem, nicht nehmen konnten.

Das Direktorium kam nun auf die geniale Idee, auch im Spiel die neue Ära feierlich zu deklarieren, das Spiel der alten, der königlichen Zeit, “Brelan”, abzusetzen und ein neues Spiel auf den Thron des Volkes zu erheben. Einen ganzen Tag lang debattierte das Direktorium im Palais Luxembourg über dieses neue Spiel. Das Ergebnis der Verhandlungen war “Bouillotte”, das dem verbotenen “Brelan” verdächtig ähnelte, sich durch den Namen aber als revolutionäre Neuschöpfung auswies. Immerhin brachte dieses Spiel neue Anregungen, und darauf kam es dem Direktorium wohl an. Hatte es König Atys 300 Jahre vor dem Trojanischen Krieg nicht genauso gemacht? Dieser Sieg eines revolutionären, demokratischen Spiels über Brelan, das Spiel der Aristokratie, könnte zugleich auch eine Folge wirtschaftlicher Zeitspannungen gewesen sein. “Bouillotte” war für jeden da, wenn er nur ein paars Sous in der Tasche hatte.

Wie groß die Einnahmen der öffentlichen Kassen aus dem Spielbetrieb waren, wissen wir aus den Kassenbüchern. Die Stadt Paris scheffelte jährlich fünf bis sechs Millionen Francs aus dem Poule der Spiele. In den öffentlichen Spielhallen konnte jeder sein Glück versuchen, ohne Standesunterschied, ohne andere Hemmungen als die in der eigenen Brust oder im Geldbeutel. Es lag schon etwas von der Verbotsstimmung in der Luft, die vom letzten König der Franzosen, dem Bürgerkönig Louis Philippe, 1838 Gesetzeskraft erhielt und das Roulettespiel aus Frankreich verbannte.

Schon ein Jahrzehnt vorher wurden Verbote diskutiert. Um sicherzugehen, suchten die französischen Bankhalter wie Chabert, Blanc und Benazet Ausweichstellen in deutschen Bädern, in Baden-Baden, Wiesbaden und Homburg. Damit begann in Deutschland die große Ära der Spielbanken. Roulette und Baccara wurden das internationale Spiel, während die anderen Kurorte, Aachen und Bad Pyrmont wie die kleinen Bäder, bei den traditionellen Spielen Pharao und Trente et Quarante blieben.

Schon damals drängte das Volk an die aristokratischen Spieltische, so daß die Spielbanken “Commune Tische” und “Salles privees” einrichteten.

1849 bedeckten auch die Spielbanken in Wiesbaden, Aachen, Bad Pyrmont, Kissingen und Baden-Baden ihre Tische mit schwarzen Tüchern und löschten die “angequalmten Kerzen”. Die Frankfurter Nationalversammlung hatte beschlossen, alle Spielbanken zu schließen. – Nur Francois Blanc in Homburg war rebellisch und ließ weiter die Kugel rollen. Eine Reichsexekutionstruppe wurde von Mainz aus in Marsch gesetzt, zu Fuß und zu Pferde, sie kam, sah … und spielte! Unter Protest schloß Blanc seine Säle, aber die Roulette erwies sich als lebenskräftiger, sie überdauerte auch das Frankfurter Professoren-Parlament.

Der Feldzug von 1866 brachte Wiesbaden und Bad Homburg unter die preußische Krone. Der König von Preußen duldete das Spiel nicht, der badische Großherzog schloß sich ihm an, und der Norddeutsche Bund erließ am 1. Juli 1868 das Gesetz zur Aufhebung aller Spielbanken. Vier Jahre hatten die Badeorte und Spielbanken noch Zeit, am 1. Januar 1872 sollte ihre Herrlichkeit zu Ende sein.

Der Ministerpräsident des Königs von Preußen, Bismarck, war übrigens nie ein Freund des Spielverbots gewesen. Er saß in Baden-Baden selber am Roulettetisch, und seine Bemerkung ist bekannt: “Wir müssen Spielbanken haben. An solchen Plätzen kann sich der Mensch, der tüchtig arbeitet, zerstreuen und auch einmal ausgelassen sein. Was nützt es, wenn wir sie aufheben: die wirklichen Spieler finden doch wieder einen Ort, wo sie ungestört ihrer Leidenschaft frönen können.”
Aber Bismarck mußte der Entwicklung nachgeben, die in der Mentalität des deutschen Bürgertums nach dem gewonnenen Krieg begründet lag.

Der kluge Francois Blanc und seine junge Frau, die Schuhmachermeisterstochter Marie Hensel, hatten das Verhängnis kommen sehen. Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, die in Bad Homburg verdienten Millionen zu vermehren, fiel ihr Blick auf Monaco.
In dem souveränen Felsennest hatte sich nach dem Verbot der Spielbanken in Frankreich eine Gesellschaft um die fürstliche Konzession zur Gründung einer Spielbank beworben und war aufgenommen worden. Aber die Spielfreunde aus Nizza und den Kurorten der Cote d’Azur kamen nicht in Mengen, wie erwartet wurde. Erst der vielerfahrene Louis Blanc wußte, wo es fehlte. Er baute erst mal die Märchenstadt Monte Carlo.

In Deutschland wachte indessen die Polizei mit Argusaugen über jedes Anzeichen eines heimlichen Glücksspiels, aber gespielt wurde doch: in Sportklubs, in Privatvillen und in geschlossenen Kreisen.
Wer in Deutschland nicht ohne das große Spiel existieren konnte und die Heimlichkeit scheute, fuhr nach Monte Carlo, nach dem belgischen Spa oder nach Ostende. Offiziere erhielten zum Spielen keinen Urlaub, sie meldeten sich ab nach Nizza und fuhren “schwarz” nach Monte Carlo, und das Gold des jungen Kaiserreiches rollte an die Riviera.

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