Die Epoche der Aristokratie

Ein Artikel aus der Rubrik Geschichte.

Bestimmend für geselliges Zusammenleben im Europa der Neuzeit war Frankreich. Dort wurden manche Spiele aus der Taufe gehoben, wie die Namen von vielen Kartenspielen, Roulette und Baccara beweisen. Wurden Spiele eingeführt, so fanden sie dort ihre Weiterentwicklung und Verfeinerung.

Unter Karl VII., in der Zeit der Jungfrau von Orleans, um 1429, begann das Kartenspiel seinen Siegeslauf durch Frankreich und eroberte sich zuerst die Hofgesellschaft. Sie konnte sich die kunstvoll handgemalten Karten leisten. Parallel mit der industriellen Herstellung der Karten liefen aber schon unter Karl VII. strenge Verbote, bis unter Heinrich IV. (1589 bis 1610) die Schranken der Verbote fielen. Erfindungsreiche Italiener hatten eine ganze Reihe abgewandelter Kartenspiele nach Paris gebracht und profitierten aus der bewegten Gemütsverfassung und der Spielleidenschaft der Zeit.

Das luxuriöse Hof leben, der verschwenderische Adel des 16. und 17. Jahrhunderts öffneten den Karten alle Türen. Verbot folgte auf Verbot, aber immer wieder fanden sich die Spieler zusammen. Wenn in den Amtsräumen des Königspalastes ein Verbot von Glücksspielen feierlich dekretiert wurde, stellten die adeligen Hasardeure zu gleicher Zeit die Spieltische in den Salons des gleichen Palastes auf. Wurde eine Glücksspielart verboten, so entdeckte jemand eine neue Nuance und konnte ein “neues” Kartenspiel auflegen, das sich vom verbotenen Spiel mehr durch die Benennung als durch die Regel unterschied.

Die Mode der großartigen Badereisen, der die höfische Gesellschaft folgte, bot unkontrollierbare Chancen für alle Spielernaturen, und der Kanzler L’Hopital konnte im Parlament, der höchsten Verwaltungsbehörde der Provinz Bordeaux, den Herren Abgeordneten der drei Stände entgegenrufen: “Ich weiß, viele Spieler sind unter euch!”

Um das öffentliche Glücksspiel zu tarnen, wurde in Paris eine “Academie de Jeu”, eine Spielerhochschule, eingerichtet, und wenn Ludwig XIII. (1610-43) versuchte, seinen Verboten der Glücksspiele Respekt zu verschaffen, half es nicht viel. Unter seinen Augen wurden in Paris 43 Häuser gezählt, in denen “Brelan”, ein damals volkstümliches Glücksspiel mit Karten, gespielt wurde. Die Zahl dieser Häuser steht fest dank der korrekten Buchführung bestechlicher Magistratsbeamter über die von ihnen bezogenen Bestechungsgelder. Höhere Beamte erhielten von jedem Haus täglich einen Louisdor.
In derselben Zeit spürte Pascal in ruhelosen Nächten den Gesetzen der Roulette nach.

Damals waren große Spieler aus den höchsten Gesellschaftskreisen bekannt: Königin Maria v. Medici, die Herzöge von Guise, von Egeron, von Joinville und Bassompierre.

Kardinal Mazarin, der für den unmündigen König Ludwig XIV. (1643-1715) die Staatsgeschäfte führte, war ein gefährlicher Spieler. Einerseits erließ er zwanzig Verbote, andrerseits erfand er selbst ein neues Spiel “Hoc-Mazarin”, ein Glücksspiel mit Karten, das später auch verboten wurde.

1661, ein Jahr vor dem Tod Pascals, übernahm Ludwig XIV. die Regierungsgeschäfte und sorgte selbst für energische Verbote. Die Königin-Mutter, Anna von Österreich, gab bei polizeilichen Razzien auf Spielhöllen sogar einen Gefreiten ihrer Leibwache mit. Aber auch ihre Strenge vermochte das Spiel um Gewinn nicht zu unterdrücken. Ihr Sohn wollte ein gutes Beispiel geben: Wenn Majestät schon selber spielten, dann nur bis zum Gewinn eines einzigen Talers. Es scheint bei den Königen Brauch zu sein, am Spieltisch den Bürgern ein Beispiel von Sparsamkeit zu geben. Noch König Gustaf V. von Schweden war in der Spielbank Baden-Baden bekannt als peinlich-sparsamer Glücksritter, er kam oft nur mit Nickelmünzen in den Spielsaal.

Die sozialen Verhältnisse im damaligen Frankreich, die auf eine Revolution hintrieben, waren der Anlaß und vielfach auch die Folge der Spielwut. Die maßlosen Luxusansprüche und Spielverluste des Adels mußte der Untertan durch wachsende Abgaben und Leistungen ausgleichen, und die Folge war, daß auch das Volk zu spielen anfing, noch maßloser und wilder, als es das Zeremoniell der adligen Gesellschaft zuließ.

Ein Historiker schildert die Zustände in Bordeaux, der Languedoc und der Bretagne, wo, wie er sagt, ein wahres Höllenspiel herrschte. Diener verspielten das Geld ihrer Herren, Söhne das Geld der Väter, Väter das Erbe ihrer Ahnen, das Glück ihrer Familie, Offiziere und Beamte setzten oft mit einer Karte Vermögen und Stellung aufs Spiel. Das Haus des Provinzparlamentes der Bretagne wurde einfach die Spielhölle genannt.

So blieb es bis zum Ausbruch der Revolution, nicht nur in Frankreich, auch in anderen Ländern. Geselligkeit ohne Spieltisch gab es nicht mehr, weder in Deutschland noch in England oder Italien. Giacomo Casanova weiß in seinen Memoiren davon zu berichten. Von Neapel bis Petersburg regierten die Karten.

Die Italiener erfanden immer neue Spielarten, selbst der Name unseres Skat geht auf ein italienisches Wort “scartare” zurück, d. h. aus dem Spiel entfernen. Skart, wie man früher schrieb, bedeutete die Karten, die man nicht hat. Die Bedeutung ging dann auf die abgelegten Karten über, und so übernahm es der Rechtsanwalt Friedrich Hempel 1817, als er die Regeln für das Skatspiel festlegte.

Spielwut und Spielverbot standen stets gegeneinander, auch in den Staaten und Stadtrepubliken Italiens. Das trockene Papier konnte jedoch die Leidenschaften nur wenig abkühlen.
Aus der Zeit der schlimmsten Verwilderung, den Jahren nach dem Dreißigjährigen Krieg, schildert Grimmelshausen im “Abentheuerlichen Simplizissimus” ein öffentliches Würfelspiel:
“Der Platz war ungefähr so groß wie der Alte Markt zu Cöln, überall mit Mänteln überstreut und mit Tischen bestellt, die alle mit Spielern umgeben waren; jede Gesellschaft hatte drei viereckige Schelmenbeimer, denen sie ihr Glück anvertrauten, weil sie ihr Geld teilen, und solches dem einen geben, dem anderen aber nehmen mußten. So hatte jeder Mantel oder Tisch einen Schunderer – Schulderer wollte ich sagen, und hätte doch schier Schinder gesagt – dieses Amt war, daß sie Richter sein und zusehen sollten, daß keinem Unrecht geschähe. Sie liehen auch Mäntel, Tisch und Würfel her und wußten deswegen ihr Gebühr sowohl vom Gewinn anzunehmen, daß sie gewöhnlich das meiste Geld erschnappten …
Etliche trafen, etliche fehlten. Etliche gewannen, etliche verspielten. Derowegen auch etliche fluchten, etliche donnerten, etliche betrogen und andere wurden besebelt. (Gaunersprache, hat die Bedeutung von “betrügen”.) Daher lachten die Gewinner, und die Verspieler bissen die Lippen, teils verkauften Kleider, und was sie sonst lieb hatten, andere aber gewannen ihnen das Geld wieder ab …”

Schlagwörter: