Die Griechen

Ein Artikel aus der Rubrik Geschichte.

Die Spiele wanderten von Ost nach West, sie nahmen den gleichen Weg wie die Künste der Porzellan- und Papiermacher, der Drucker und Baumeister, und wenn wir in der griechischen Geschichte nachschlagen, finden wir die Handelsstraßen der Phönizier, auf denen viele Schätze des Orients nach Hellas gebracht wurden.

Als reichstes Land galt Lydien mit der goldstrotzenden Hauptstadt Sardes. Dorthin verlegt schon Herodot, der griechische Historiker, Geograph und Weltreisende, den Ursprung aller Spiele.

König Atys von Lydien bezeichnet er als den Erfinder der Spiele. Er soll 350 Jahre vor dem Trojanischen Krieg geherrscht haben, in einer Epoche voll Reichtum und Hunger. Gold kann man nicht essen. Während einer Hungersnot sei Atys auf die Idee gekommen, Spieltische aufzustellen, an denen das Volk seinen Hunger vergessen könne. Der König teilte das Volk in zwei Klassen. Abwechselnd bekam die eine zu essen, die andere durfte spielen. An einem Tag füllte die Hälfte des Volks den Magen, die andere vergnügte sich währenddessen mit Würfeln, Kegeln und dergleichen mehr. Am folgenden Tag speisten die Spieler vom Vortag und übersahen bei den Berichten von ihrem Spielglück die schmalen Portionen.
Das Spiel als Ablenkungsmittel ist ein immer wirksames Rezept für jede Obrigkeit von Atys bis in unsere Tage.

Plutarch erzählt in seinem Essay “Isis und Osiris”: Die Sonne, der oberste Gott der Ägypter, habe eines Tages entdeckt, Saturn unterhalte eine unerlaubte Liebschaft mit Rhea, der Erde. Empört darüber habe er die arme Geliebte verurteilt, niemals, in keinem Jahr und in keinem Monat, entbunden zu werden. Merkur aber, der die Rhea gleichfalls liebte, habe die hoffnungslos Verurteilte aus der Not befreit. Er forderte den Mond zu einem Spiel auf. Man spielte um ein Stück Zeit, um den siebzigsten Teil des Mondumlaufs. Merkur gewann, und die gewonnene Zeit ergab gerade fünf Tage, die er den bisherigen 360 Tagen hinzufügen durfte. Während der neuen Tage habe Rhea ein Kind zur Welt bringen können.

Schon die homerischen Epen kennen die Würfel, in dem gefährlichen “Knochenspiels”. Bei den späten Griechen wurde der Held Palamedes zu einer Art Spielleiter oder gar Bankhalter bei den Glücksspielen, mit denen sich die Trojakämpfer die Zeit vertrieben. Man sagt, Palamedes habe auch die Spiele nach Hellas gebracht. Es ist durchaus möglich, daß die Könige und Krieger auf dem trojanisch-asiatischen Kampffeld mit den Spielformen des Orients bekannt wurden und diese nach Hause mitbrachten, ebenso wie die Ritter der Kreuzzüge manche Sitten und Gewohnheiten aus dem Osten in Europa einführten.

Auch Euripides verwendet das Spiel in seinem Drama “Medea”. Hierin fragt die Amme der Kinder der Medea den Hofmeister, woher er denn wisse, daß Jason Weib und Kind verlassen wolle. Und der Gefragte erwidert: “Ich kam zum Würfelspiel, wo die alten Herren sich hinlagern, an Peirenes hochberühmten Born. Da erzählten sie mir …”

Der Hellenist Athenaio, der um die Wende des zweiten und dritten Jahrhunderts Grammatiker in Alexandrien war, berichtet, ein Mann aus Ithaka habe ihm erzählt, noch zu seiner Zeit werde auf der Insel des Odysseus das Kegelspiel so ausgeübt, wie es die Freier der Penelope zu spielen pflegten. Die Kegel hießen Persi. Sie waren längliche, unten viereckige, oben abgerundete Steine. Die Spieler traten in zwei Reihen einander gegenüber, jeder einen Stein vor sich. Zwischen ihnen stand ein Stein, Penelope genannt, die Königin. Sie war das Ziel, und nacheinander warfen die Spieler ihren Stein nach ihr. Wer den Stein traf, setzte seinen zweiten Stein an die Stelle und warf weiter gegen ihn. Gelang es, ihn wieder zu treffen, ohne die herumliegenden Steine der anderen zu berühren, so hatte er gesiegt. Nach dieser Beschreibung also war das homerische Spiel nichts anderes als unser Eiskegeln auf den winterlichen Seen und Gewässern.

Auch die ersten besorgten Aufrufe gegen das Spiel und seine Auswüchse wurden in Hellas laut. Themistokles (geb. um 525 v. Chr.) plädierte öffentlich dafür, allen Staatsbeamten das Spiel zu verbieten: “Es soll nicht der Eindruck entstehen, als setze die Republik sich selbst aufs Spiel.” Das die Spartaner die Glücksspiele verboten, entspricht der nüchternen Strenge ihres Lebensstils.

In krassem Gegensatz zu dem spielfeindlichen Sparta stand das üppige Korinth. Offenbar waren die Korinther leidenschaftliche Zocker. Eine Anekdote charakterisiert diesen Gegensatz recht anschaulich. Danach schickten die Spartaner eines Tages eine Delegation nach Korinth, um irgendwelche Abmachungen zu treffen. Die Delegation hatte gerade die Stadt betreten, als der Führer wieder kehrtmachen ließ. In Sparta wurde er natürlich gefragt, warum er zurückgekommen sei, ohne mit den Korinthern verhandelt zu haben. Er erklärte: Kaum habe er den Fuß in die Stadt Korinth gesetzt, habe er schon die Einwohner sich beim Würfelspiel vergnügen sehen. Mit Spielern aber treffe man keine Abmachungen.

Zu den harmlosen Spielen der Griechen gehörte das Fingerspiel. Es war gleichzeitig ein Übungsspiel für die Kunst des Zählens und verdankt seine Entstehung der fortschreitenden Erweiterung des Zahlensystems. Durch verschiedene Haltung der zehn Finger und durch verschiedene Artikulationen konnten die Griechen Zahlen bis eine Million darstellen.
Das Fingerspiel bestand wohl darin: Einer deutete eine hohe Zahl, und der andere mußte sie schnell aussprechen. Oder umgekehrt: Einer nannte eine schwierige Zahl, und der andere sollte sie mit den Fingern darstellen.
Das heute noch bekannte Fingerspiel “Grad oder Ungrad” scheinen die alten Griechen auch schon gekannt zu haben. Wie Homer berichtet, hat während der Belagerung Trojas die schöne Helena sich und den trojanischen Prinzessinnen mit diesem Spiel die Zeit vertrieben.

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