Die Römer

Ein Artikel aus der Rubrik Geschichte.

Aus der Zeit des Romulus erzählt Plutarch, im Tempel des Herkules habe der Wächter mit dem Gott gewürfelt. Falls der Wächter gewinne, so müsse der Gott ihm eine Gnade erweisen, verliere er aber, so sei er verpflichtet, dem Herkules eine schöne Sterbliche als Geliebte zuzuführen.

Von den Griechen und den östlichen Völkern übernahmen die Römer ihre Glücksspiele und entwickelten sie weiter nach eigenen Regeln. Aber es wird nirgends berichtet, daß bei ihnen Weib, Kind, Knecht oder gar die Freiheit aufs Spiel gesetzt wurde, wie bei Chinesen, Indern und Germanen.

Tacitus wunderte sich über die wilde Spielwut der Germanen. Das karge, republikanische Rom kannte nur Spiele um kargen Gewinn. Mit dem Anwachsen des Reichtums, der aus den Provinzen floß, kam jedoch auch die Spielleidenschaft, nach Rom.

Cato, der gestrenge Lehrmeister seines Volkes, rief nicht nur sein “Übrigens glaube ich, Karthago muß zerstört werden!” – er erhob auch den Wehruf: “Bürger, flieht das Glücksspiel!”, und Cicero, der selbst gegen das Spiel um hohe Einsätze eiferte, verrät uns indiskret, daß hinter der amtlichen Besorgnis selbst Cato der Glücksgöttin gewogen war. In seinem Buch “Cato maior” läßt er den alten Herrn jammern: “Von all den vielen Spielen können die jungen Leute uns wenigstens das eine lassen, die Würfel!”

Unter den Caesaren muß im ganzen Reich eine wahre Spielwut geherrscht haben. Groß und klein würfelte um Geld. Nero soll auf einen einzigen Wurf einmal 400.000 Sesterzien gesetzt haben. Claudius spielte auf der Fahrt im Wagen. Juvenal, der Satiriker, entrüstete sich über die Senatoren, die sich ihre Spielkasse sogar in die Sitzung nachtragen ließen. Horaz berichtet von einem Diener, der nichts zu tun hatte, als für seinen Herrn zu würfeln, weil dessen gichtige Finger den Würfelbecher nicht mehr halten konnten.

Auch die römischen Soldaten würfelten unter dem Kreuz auf Golgatha um den Rock Christi. Sie würfelten, um ihn nicht zerteilen zu müssen, und einer von ihnen wird ihn als “Sieger” über die Schulter geworfen und in die Kaserne getragen haben.

Waren es nicht überhaupt die Soldaten Roms, die man für die Entfesselung der Spielwut verantwortlich machen konnte? Krieg und Spiel, Feldlager und Würfel gehörten immer zueinander, und mancher nahm seine Würfel ins Grab, wie jener römische Soldat, dessen Grab bei Remagen am Rhein aufgefunden wurde. Neben den Würfeln lag eine Statuette der Fortuna. Das Lieblingsspiel der disziplinierten römischen Legionäre war jedoch ein Kriegsspiel, ähnlich dem Schach, das aus ihm hervorgegangen sein dürfte.

Die Steine dieses Brettspiels hießen “latrunculi”, Soldätchen, das Brett “tabula latruncularia”, das ganze Spiel »latrunculorum ludus«. Nach Seneca, bei dem die Spielregeln kurz aufgeführt sind, wurde gezogen, geschlagen, und derjenige verlor, der keine Steine mehr hatte.

In der Zeit des spätrömischen Verfalls gab das Spiel einmal den Anstoß zu einer hochpolitischen Affäre. Als Kaiser Probus in Rom gewählt worden war, spielte der Führer der römischen Legionäre in Gallien, Proculus, dieses Spiel während eines Gastmahls. “Imperator” hieß der Sieger im Spiel, und Proculus wurde es zehnmal hintereinander. Im Spaß rief ihm einer der Gäste zu: “Ave Caesar!” Das war der Caesarengruß. Und schon warf ihm ein anderer ein Purpurtuch um die Schultern, die Kumpane beugten vor ihm das Knie. Die Zeremonie wurde gefährlich ernst, die leicht entflammbaren Legionäre nahmen es als Omen, und am anderen Morgen riefen sie tatsächlich ihren Proculus zum Gegenkaiser aus. Das war in Lugdunum, dem heutigen Lyon.

Die Römer hatten noch ein zweites Brettspiel, “calculorum ludus”, das Ovid in seiner “Ars amandi” empfahl, weil es die Geschicklichkeit in der Liebe fördern könne. Also ein Geschicklichkeitsspiel, von dem manche annehmen, es sei unser Dame-Spiel gewesen.

Durch die römischen Legionäre kamen die Brettspiele zu den Germanen, jedoch kannten diese schon vor ihnen eines, das sie “tabel” nannten. Das Wort scheint die Vorform von Tafel zu sein. Doch wird es wahrscheinlich zu einem anderen Wortstamm gehören und von dem Wort Zabel, gleich zappeln, springen, abgeleitet werden müssen. Die Würfel zappeln, hüpfen auf dem Brett, auf dem sie geworfen werden.

Schlagwörter: