Dostojewskij

Ein Artikel aus der Rubrik Berühmte Spieler.

In seinem Roman Der Spieler gibt Fjodor Michailowitsch Dostojewskij einen großartigen Bericht von dem Leben und Treiben in den deutschen Spielsälen des vorigen Jahrhunderts. Er selbst lebte in den Gesellschaftskreisen, die sich an den Spieltischen trafen, und er enthüllte mit der Präzision des unbestechlichen Beobachters und der Weisheit des Dichters die Hintergründe der Gesellschaft, die Untiefen der menschlichen Seele und der Spielleidenschaft, die seine eigene war. Er war kein verdüsterter Kritiker, sondern ein überlegener, von allen Vorurteilen befreiter Beobachter, der das Innerste in die Helligkeit des Bewußtseins hob und noch in den Äußerlichkeiten das Wesen der Menschen auseinanderfaltete.
Welch köstliche Figur ist die Großmutter in diesem Roman! Mit ihrem originellen Selbstbewußtsein beherrscht sie die eigene Familie und alles, was sich um sie bewegt, den ganzen Spielbetrieb vom Portier bis zum Direktor. Ihr Urbild ist die Gräfin Kissilew, die Witwe eines Generals des Zaren, eine gelähmte alte Dame, auf deren Tod alle Familienmitglieder warten, um endlich in den Besitz ihres Vermögens zu kommen. Aber sie spielt der Familie einen tollen Streich: Quicklebendig erscheint sie plötzlich in Roulettenburg – Homburg – und ist drauf und dran, zum Entsetzen der hoffnungsvollen Erben, ihr ganzes Vermögen dem Spielteufel zu opfern.
Die Gräfin Kissilew, trotz ihrer Lähmung voll explosiver Lebensenergie, wurde in Wirklichkeit zuletzt Aktionärin der Spielbank.
Einem Freund schrieb Dostojewskij einmal: Das Geheimnis der Roulette ist mir völlig klar, es besteht ausschließlich in der Kunst der Selbstbeherrschung.
Diese Kunst hatte er nie erlernt. Seine langjährigen Aufenthalte in den mondänen Kurorten nutzte er nur, um zu spielen, um Geld zu gewinnen, aber er verlor Unsummen.
In seinem Roman reißt er die letzten Verhüllungen von seiner Leidenschaft, die, wie jede, die Ordnung der Seele und der Gesellschaft zu zersetzen droht, und dieser schonungslose Wille zur Offenbarung gibt seinem Roman die Größe.
Wie konnte ein so überlegener Geist wie Dostojewskij dem Phantom der Spielsäle fast zum Opfer fallen? In den Badischen Neuesten Nachrichten schrieb H. H. Volck eine interessante Studie von den geheimen Triebkräften dieses ungewöhnlichen Geistes. Volck führt den Glauben Dostojewskijs an das Glück auf Erlebnisse in den Jugendjahren zurück, von denen die Entwicklung des Charakters bestimmt wurde. Als Dostojewskij achtzehn Jahre alt war, wurde sein Vater, ein Arzt, neben ihm im Wagen ermordet. Ein Leibeigener erstickte ihn unter einem Kissen. Seitdem litt Dostojewskij an epileptischen Anfällen. Als fortschrittlich Gesinnter wurde er 1849 verhaftet und zum Tode verurteilt. Man führte ihn mit anderen zur Exekution, drei seiner Mithäftlinge wurden erschossen, er war unter den nächsten drei. Da kam ein Ukas, die Verurteilten seien begnadigt, aber nach Sibirien verbannt. Zehn Jahre verbrachte Dostojewskij in Sibirien, davon vier im Zuchthaus.
Aus diesen Erlebnissen leitet Volck die Haltlosigkeit Dostojewskijs her, seinen Glauben an das Wunder. Ein Wunder hatte ihn vor der Hinrichtung gerettet, sollte ein Wunder ihn nicht auch aus der Misere des Lebens retten? Dostojewskij liebte das Leben, aber das Leben liebte ihn nicht; er blieb sein Stiefkind bis an das Ende.

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