Ist Poker ein Glücksspiel?

Ein Artikel aus der Rubrik Glücksspiele.

Das Heimatland des Pokerspieles ist Amerika, richtiger die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Soviel man weiß, wurde das Spiel in den entlegenen Camps und Siedlungen der Goldgräber, Jäger und Fallensteller, Pioniere und Abenteurer im rauhen Westen des Landes schon längst gespielt, ehe es die Spieltische der großen Städte an den Küsten eroberte.

In manchen europäischen Ländern ist Poker verboten – was übrigens weder seiner Verbreitung noch seiner Beliebtheit geschadet hat. Es wurde – völlig zu Unrecht – zum Glücksspiel, zum Hasardspiel erklärt. Das Moment des “Zufalls” ist das Charakteristikum des Glücksspieles. Aber, abgesehen vom Schachspiel, bei dem die Felder der beiden Gegner einander vor dem ersten Zug immer in vollkommen gleicher Schlachtordnung gegenüberstehen, kann natürlich jedes Spiel insofern ein Glücksspiel genannt werden, als durch den “zufälligen” Fall der Karten beim Teilen die Blätter der einzelnen Spieler zwangsläufig verschieden für den Ablauf des Spieles günstiger oder ungünstiger, also “gut” oder “schlecht” sein werden. Dies gilt beim soliden Tarock-Spiel ebenso wie beim Preferencespiel, für das amüsante Canasta genau so wie für das seriöse und hochangesehene Bridge. Während jedoch z. B. beim Baccara oder beim Roulette wirklich der Zufall regiert, weil hier weder die Fähigkeit und Geschicklichkeit des Spielers oder auch nur seine Aufmerksamkeit die Gewinn- oder Verlustchance beeinflussen, weshalb man diese Spiele mit vollem Recht als reine “Glücksspiele” bezeichnen kann, gibt es kaum ein Kartenspiel, bei dem das Verhalten des Spielers, seine persönlichen Qualitäten, Geistesgegenwart, Entschlossenheit und Kaltblütigkeit, Kombinationsgabe, Selbstbeherrschung und Menschenkenntnis entscheidender sind wie gerade beim Poker.

Poker, ernst, man könnte sagen, wissenschaftlich gespielt, ist ein psychologisches Kombinationsspiel. Ein guter Pokerspieler, der sich nicht blindlings dem “Zufall” anvertraut, kann in richtiger Ausnützung der durch die Spielregeln dargebotenen unzähligen taktischen Möglichkeiten mit einem von Haus aus “schlechten” Blatt ein weitaus besseres besiegen, und er wird es jedenfalls verstehen, durch überlegtes und diszipliniertes Vorgehen seinen Verlust – auch mit den schlechtesten Blättern – auf ein Minimum zu beschränken.

Damit soll natürlich nicht geleugnet werden, daß es, wie bei jedem Spiel, auch beim Poker angenehmer und aussichtsreicher ist, “gute” Karten in die Hand zu bekommen oder “mit Glück” zu kaufen, als den ganzen Abend von einer Pechserie verfolgt zu werden. Gewiß ist es schon vorgekommen, daß jemand beim Poker unter Umständen viel Geld verloren hat, dann nämlich, wenn übermäßig hoch gespielt wurde. Ebenso unbestreitbar ist es aber, daß es auch bei einer Bridgepartie zu erschreckend hohen Umsätzen kommen muß, wenn der Point statt mit 10 oder 50 Cent beispielsweise mit einem Dollar berechnet würde. Die Höhe des eventuell möglichen Verlustes darf also niemals als Kriterium des Spieles an sich betrachtet werden, und es wird selbstverständlich der Einsicht jedes Spielers zu überlassen sein, ob er sich zu einer Partie an den Tisch setzt, deren Höhe mit seinen eigenen materiellen Verhältnissen nicht im Einklang steht. Es wird dem gewöhnlichen Sterblichen nicht zu empfehlen sein, sich mit einem Rothschild oder Vanderbilt im Poker zu messen oder sich als Anfänger mit abgebrühten Meistern des Spieles einzulassen.

Für einen Pokerspieler, der den wahren Reiz dieses Spieles einmal erkannt hat, kann übrigens ein niedriges Spiel ebenso spannend sein wie ein hohes, ja, er wird sogar einem interessanten Spiel zwischen erfahrenen und einander gleichwertigen Gegnern auch als stummer Zuschauer mit demselben Genuß beiwohnen können wie etwa dem Kampf zweier Matadore im Florettfechten, die vor seinen Augen geschickt und elegant die Klingen kreuzen.

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