Ivar Kreuger

Ein Artikel aus der Rubrik Falschspieler.

Ivar Kreuger war einer der markantesten Vertreter jener Sorte von Spielern, bei denen der masochistische Drang zu verlieren so übermächtig ist wie der Todestrieb einer Motte. Vielleicht kann man sogar Kreugers Trieb als Todestrieb bezeichnen.
Kreuger begann seine Karriere 1917 im großen Stil, als er abgewertete amerikanische Dollar für schwedische Kronen erwarb und sie dann zum doppelten Wert wieder losschlug, als der Dollar als Folge des Aufschwungs der amerikanischen Wirtschaft nach dem Ersten Weltkriege wieder aufgewertet wurde. Mit den etwa 3 Millionen Dollar, die er auf diese Weise gewann, finanzierte er den Aufbau seines industriellen Imperiums. Dabei bediente er sich des Verfahrens, Staaten, die durch die Kriegslasten geldlich in Bedrängnis geraten waren, Geld zu leihen. Als Gegenwert dafür kassierte er staatliche Monopolrechte für seine Zündholz-Industrie. So errichtete er nach und nach fast ein Weltmonopol. Er zahlte traumhaft hohe Dividenden. Staatsmänner und Bankiers zollten seinem Finanz-Genie Anerkennung. Und nach seinem Tode schrieb die Londoner “Times” in guter Absicht, wenn auch leicht naiv, Kreugers Geschäfte seien über jede Zweideutigkeit erhaben gewesen.
Dies stimmt nun nicht. Er war ein Schwindler und Fälscher, und er hat gnadenlos Millionen von Menschen in aller Welt betrogen. In Amerika allein büßten Anleger über eine Viertel Milliarde Dollar ein. Kreuger trimmte die Bilanzen seiner Firmen zurecht, er fälschte Staatsanleihen, die von Staatsoberhäuptern gezeichnet waren, er wies nicht vorhandene Aktiva vor, nicht nur das, er operierte auch mit nicht existierenden, von ihm erfundenen Banken. Auf diese Weise blieben er und seine riesige industrielle Organisation 25 Jahre lang geschäftsfähig, obwohl unbestechliche Prüfer beständig ihr Auge auf die Vorgänge warfen.
Bei der Untersuchung des Zusammenbruches des Kreuger-Imperiums kam noch mehr heraus: Börsenmanöver waren für ihn auf die Dauer ohne Reiz, Kreuger suchte größere Risiken, um seinen Drang zur Katastrophe zu befriedigen. Diese “angemessenen” Risiken bestanden darin, darauf zu spekulieren, daß seine kolossalen Unterschleife und Unterschlagungen nicht entdeckt werden würden. Er erhöhte das Risiko, indem er eine Reihe von Strohmännern einsetzte, die seine Schwindel-Transaktionen ausführen sollten, womit er sich der Möglichkeit des Erpreßtwerdens aussetzte, was in der Tat eintrat. Er bezahlte Unsummen an Schweigegeldern, und, indem er nur soviel an Informationen an Buchhalter und Direktoren weitergab, wie jene benötigten, um seine Manöver und Schwindeleien zu decken, ohne sie als solche freilich zu erkennen, erhöhte er den Reizwert seines Glücksspiels schließlich in letzte Verfeinerungen.
In dem Maße, wie sich das Risiko vergößerte und mehr und mehr an Nebensicherheit erfunden wurde, um sie den immer argwöhnischer werdenden Banken zur Genehmigung weiterer Kredite in den Rachen zu werfen, mußte sich bei Kreuger das Gefühl verdichtet haben, endlich den Zeitpunkt der Erfüllung seines selbstzerstörerischen Dranges herannahen zu sehen. Einmal schien er nachgerade am Rande des Wahnsinnes. Das war, als er in New York praktisch als Gefangener zurückgehalten wurde, nachdem bestimmte vorläufige Untersuchungen gegen ihn eingeleitet worden waren. Kreuger verweigerte Schlaf und Nahrungsaufnahme – Symptome, die den Spieler kennzeichnen, der seine Verluste wettzumachen sucht.
Die Rechnung wurde ihm in Paris präsentiert. Kreuger schoß sich in seiner Zimmerflucht des Hauses Nr. 5 Avenue Victor Emmanuel III. am 12. März 1932 eine Kugel ins Herz. Zuvor hatte er seinen letzten verzweifelten Coup starten wollen, nämlich Wall Street in dem Glauben zu wiegen, bestimmte Rentenpapiere, die angeblich in einer Berliner Bank deponiert waren, befänden sich tatsächlich dort. Dieser Coup schlug fehl. Er war am Ende mit seinen Tricks. Allem Anschein nach hat er sich in aller Gemütsruhe erschossen – so, als habe ihm sein 52 Jahre dauerndes Leben nichts als Spaß bereitet.
Diese Vermutung hat einiges für sich. Kreuger kombinierte ein untadeliges Äußeres seiner Erscheinung und ein bewundernswürdiges Gedächtnis mit dem Glauben an gedruckte Zahlen, den der spekulierende Spieler aufweist. Eine harmlose, von einem seiner Direktoren gestellte Frage hinsichtlich eines bestimmten Postens in einer Bilanz brachte Kreugers Kartenhaus zum Einsturz. Ich habe alles so sehr durcheinander gebracht, daß ich glaube, dies ist die beste Lösung für alle Beteiligten, schrieb Kreuger in seinem Abschiedsbrief unmittelbar vor seinem Selbstmord. Das war eine höfliche Umschreibung. Mitnichten handelte es sich um Wirrwarr, was Kreuger hinterlassen hatte. Vielmehr offenbarte es alle Kennzeichen des Genies. Kreuger hatte die Wahrscheinlichkeitsgesetze erheblich länger strapaziert als die meisten Spieler, und er hatte außer dem moralischen keinen Anlaß, sich seiner Unternehmungen zu schämen – obwohl sie im Endeffekt scheiterten. Bis zum Zeitpunkt des Scheiterns jedenfalls hatte sich sein System gegen das Arsenal des Zufalls als unschlagbar erwiesen, als unschlagbarer, als es unter den meisten Umständen der Fall ist.

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