Kartenlegen

Ein Artikel aus der Rubrik Glücksspiele.

Bei Glücksspielen erscheint es angebracht, auch einige Worte über das sog. “Kartenlegen” (Weissagen aus der Zusammenstellung eines Kartenspiels) zu sagen.

Diese vielfach von Zigeunerinnen und besonders dazu begabten Frauen betriebene zweifelhafte Kunst steht auf derselben Stufe wie die Weissagungen aus Sterngebilden und Handlinien.

Irgendeine positive Wissenschaft oder irgendein festes System besteht darüber nicht; jede Wahrsagerin legt die Karten nach einer von ihr ersonnenen oder übernommenen Weise ans. Es ist daher töricht, einer Weissagung aus Karten irgend welche Bedeutung beizumessen; nur anormal veranlagte Menschen tun das, oft zum Schaden ihrer eignen Person oder ihrer Angehörigen und Bekannten. “Die Karten trügen nicht!” sagen die Wahrsagerinnen, damit haben sie recht, aber ihre Schlüsse daraus sind durchweg Trugschlüsse, selbst wenn sie wortgetreu eintreffen. Wer sich berufen fühlt, sein Glück darin zu probieren, der bediene sich folgenden Leitfadens.

Treff, Kreuz, ein Kleeblatt darstellend, bedeutet Glück; Pik, Schüppe, den Totengräber mit Spaten darstellend, bedeutet Unglück; Coeur, Herz, ist das Symbol der Liebe, und Eckstein, Karo, mittelalterlich “Ruiten” = Fenster = Aussicht auf Erfolg = Reichtum. Diese grundsätzliche Auslegung ist der rote Faden, der sich durch alle geheimnisvollen Weissagungen schlängelt, die Figuren und Steine sind Vermittler. Das Herzpaar (König und Dame) verkörpert die Menschen, denen die Karten gelegt werden; um diese beiden gruppieren sich die anderen Karten und sollen den dunklen Schleier heben, der die Zukunft der Betreffenden verbirgt. Es ist hier einer modernen Pythia freie Hand gegeben, verschiedene Schlüssel anzuwenden; geübte Weissagerinnen haben für jede Karte eine Bedeutung, die verbreitetste ist etwa folgende: Kreuz-König und -Dame sind glückverheißende Freunde, Pik-König und -Dame: Widersacher (Nebenbuhler), Eckstein-König und -Dame: einflußreiche reiche Freunde (Beschützer). Die vier Buben stellen dar: Kreuz = St. Joseph, der Heilige für Familienglück, Kindersegen; Pik = Verführer, Gerichtsvollzieher, böser Einfluß usw.; Herz = Amor, der Liebesgott; Karo = Geldbriefträger, Lotteriekollekteur usw. Die Asse bedeuten Siegel oder Briefe, je nach Farbe Glück, Trauer, Liebe, Geld verheißend. Die Augenkarten (7 bis 10) deuten die Grade der Ereignisse, Lebensdauer, Zahl der Kinder usw. an.

Kartenlegen

Obenstehendes Kartenbild, einer Dame gelegt, ergäbe etwa folgendes: Die Dame selbst stellt Herz Dame vor. Sie ist von Glück umgeben (Kreuz-Kleeblätter zu beiden Seiten). Eine kleine unangenehme Angelegenheit (Pik-8) schwebt über ihr, aber sie steht unmittelbar über Herz-As, das bedeutet, daß sie in kürzester Frist einen Liebesbrief (Antrag) erhalten wird. Innerhalb zweier Monate oder Jahre wird sie eine große Geldsendung erhalten (Karo-As) und in allerkürzester Zeit einen glückbringenden weiteren Brief (Kreuz-As), denn der Geldbriefträger (Karo-Bube) ist bereits außerhalb des Bildes untererwegs. Ihr Verehrer (Herz-König) naht ihr bereits in derselben Reihe, also in Bälde, er meint es ernst, denn er folgt dem Liebesgott Amor (Herz-Bube) auf dem Fuße. Er ist dunkelblond, da er von roten und schwarzen Karten umgeben ist. Einen Widersacher (Pik-König) hat er überwunden und steht über ihm; eine sehr vermögende Dame (Karo-Dame) sucht, obwohl selbst verheiratet (Karo-König über ihr), Einfluß auf ihn zu gewinnen und verfolgt ihn mit Liebesbeweisen, die er jedoch hinter sich abbricht (Pik-10). St. Joseph, der Heilige für Kindersegen, ist von vier kleinen Karten (drei 7 und einer 8) in der Reihe begleitet, das bedeutet 4 Kinder (3 Mädel, 1 Junge), von denen ein Mädel bald sterben wird, da sich Pik-As (Trauerbrief) hinzugesellt hat.

Die erste Bedingung ist passende stimmungsvolle Umgebung und geheimnisvolles Mienenspiel. Mit lachendem Gesicht in fröhlicher Gesellschaft wird niemals eine Weissagung wirkungsvoll aufgenommen werden; erst hinterher im einsamen Kämmerlein ruft sie manchmal trotzdem noch unheilvolle Wirkung hervor und veranlaßt die Betroffenen zu marternden Grübeleien. Man soll daher auch im Scherz keinen Unfug damit treiben, wenn man nicht sicher ist, daß die Betreffenden über solchem Hokuspokus stehen. Einzig und allein auf Wohltätigkeitsfesten (Basaren), wo nur harmlose einwandfreie Weissagungen gegen klingende Münze verzapft werden, mag man sich damit befassen.

Man mischt lange und geheimnisvoll die Karten, laßt dann die Auskunftheischenden abnehmen und legt bedächtig Blatt an Blatt in 5 Reihen zu je 6 Karten. Die beiden letzten Karten legt man allein rechts und links des Feldes; ist die Karte, die die betreffende Person darstellt, darunter, so wird sie einsam ihre Lebenspfade wandeln.

Je näher das Herzpaar zusammen kommt, um so näher steht ihre Vereinigung bevor, bzw. um so inniger ist das Verhältnis zwischen ihnen, sei es nun der Zukünftige, sei es der bereits Angetraute. Im übrigen kombiniert man nach den angeführten Bedeutungen der einzelnen Karten. Liegt zwischen Herz-Dame und -König Kreuz- oder Pik-König, so steht ein Freund bzw. Widersacher im Wege. Ist Herz-Dame von roten Karten umgeben, so ist die Zukünftige blond, ist sie von schwarzen Karten umgeben, dunkel; sind die Nachbarkarten verschieden, so ist sie braun. Liegt Eckstein-As und -Bube in derselben Reihe, so steht ein Geldbrief bevor, liegt auch Eckstein-Zehn in der Reihe, so ist es ein großer Betrag usw.. Es lassen sich Tausende von Ereignissen in dieser Weise andeuten.

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