Luigi in Monte Carlo

Ein Artikel aus der Rubrik Falschspieler.

Ich heiße Luigi Helvidanto und wohne in Villa Cremona, 20 km von Monte Carlo. Ich bin gelähmt und kann daher nicht persönlich erscheinen. Ich kann jedoch an jedem Tag um zehn Uhr er kennen, welche Nummer um drei Uhr nachmittags am Tisch 1 fallen wird. Ich habe das Gefühl, meine hellseherische Gabe wird in einem Monat verschwinden, und habe eine hohe Wette abgeschlossen, daß mein Experiment während dieses Monats täglich gelingt…
Der Schreiber hatte dem Brief 1000 Francs beigelegt und machte der Bank den Vorschlag, diese Summe als von ihm auf die Nummer gesetzt anzuerkennen, von der er in seinem – am gleichen Tag vor 12 Uhr in Villa Cremona aufgegebenen – Brief angeben werde, daß sie um 3 Uhr nachmittags am Tisch 1 fallen werde. Der Post Stempel lasse erkennen, daß der Brief vor 12 Uhr aufgegeben wurde. Im Gewinnfall müßte die Bank ihm ein Konto einrichten, über das er täglich verfügen möchte. Er übernehme die Verpflichtung, einen Monat lang täglich 1000 Francs zu setzen, die Bank müsse sich verpflichten, auch höhere Einsätze zu gestatten.
Kaum war dieser Brief eingelaufen, als der Generaldirektor mit dem Konsortium beriet, ob man das Angebot annehmen könne. Noch war keinem Hellseher ein Experiment gelungen, die Bank konnte 30.000 Francs gewinnen, also nahm sie das Angebot an.
Am nächsten Tag beobachtete der Generaldirektor persönlich den Kugellauf am Tisch eins. Um drei Uhr fiel die Kugel auf 17.
Um sechs Uhr abends leerte der Sekretär wie gewöhnlich den Briefkasten der Bank und legte die Post dem höchsten Chef vor. Der angekündigte Brief war dabei, nach dem Stempel vor zwölf Uhr in Villa Cremona aufgegeben. Der Hellseher schrieb nur: Punkt drei Uhr fällt Nummer 17.
Man nahm die Sache nicht tragisch, Signor Luigi hatte ein Konto von 35 000 Francs.
Am nächsten Tag fiel Punkt drei Uhr Nummer 5. Bei der Abendpost lag Luigis Brief: Punkt drei Uhr fällt Nummer 5! Ab morgen Einsatz 5000.
Der Chef wurde nervös, aber das Angebot war akzeptiert, und die Bank muß auch bei Verlust ihr Gesicht wahren.
Am dritten Tag fiel Nummer 4, am nächsten 28, und so fort. Zehn Tage lang lag abends der Brief vor, an jedem Tag war die um drei Uhr gefallene Nummer richtig bezeichnet.
500.000 Francs waren gewonnen, ein Bevollmächtigter Luigis hatte sie abgehoben.
Am elften Tag rempelte in der Casinobar ein angetrunkener Spieler, der sich schon am frühen Nachmittag über seinen Verlust getröstet hatte, einen Herrn an und schlug ihn nieder. Man trug den Bewußtlosen in das Direktionszimmer, untersuchte seine Taschen zur Feststellung der Personalien und fand 37 Briefe, adressiert an die Bank, abgestempelt am gleichen Tag in Villa Cremona zwischen 10 und 11 Uhr. Es waren Briefe des geheimnisvollen Hellsehers Luigi. Der Bewußtlose starb im Direktionszimmer.
Die Kriminalpolizei löste das Rätsel: Luigi war ein Hochstapler, der schon mehrere Spielbanken betrogen hatte. Er mietete sich in einem kleinen Ort in der Nähe ein, wie hier in Villa Cremona, und schrieb den Banken sein Angebot. Gingen sie darauf ein, so schrieb er jeden Tag 37 an die Spielbank adressierte Briefe: In jedem Brief nannte er eine der Nummern von Zero bis 36, frankierte sie und kennzeichnete sie unauffällig mit ihrer Nummer. Jeden Brief steckte er in einen zweiten Umschlag, der seine eigene Adresse trug. Oben rechts war ein Fenster eingeschnitten in der Größe der Briefmarke. Darunter lag die Marke des Briefes an die Bank. Luigi gab die Briefe in Villa Cremona auf, und da er ein Schließfach hatte, kamen die Briefe kurz nach Aufgabe wieder in seine Hand. Er entfernte zu Hause den oberen Umschlag und hatte 37 Briefe mit der Adresse der Bank, abgestempelt in Villa Cremona zwischen 10 und 11.
Der angeblich gelähmte Hellseher fuhr im Auto nach Monte Carlo, stand punkt drei Uhr am Tisch eins und sah, welche Nummer fiel. Er ging in den Waschraum, nahm den Brief mit der gefallenen Nummer heraus, radierte das Kennzeichen fort und vernichtete die übrigen 36 Briefe.
Abends gegen 6 Uhr wartete er vor dem Casino den Postboten ab, steckte nach ihm seinen Brief in den Kasten, und so erhielt die Bank täglich den Brief mit der richtigen Nummer, die um drei Uhr gefallen war.
Luigi hatte Pech, die Faust eines Angetrunkenen beendete seine Karriere und deckte den Schwindel auf.

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