Moraltheologie und Glücksspiel

Ein Artikel aus der Rubrik Geschichte, Glücksspiele.

Die Moraltheologie sieht im Spiel nichts Unerlaubtes, nichts Verwerfliches, selbst nicht im Glücksspiel. Nur die katholische Kirche kennt eine Stellungnahme ex cathedra zu moralischen Fragen. Die protestantischen Kirchen stellen solche Fragen, wie sie das Spiel aufwirft, dem Gewissen und der Verantwortung des einzelnen Menschen anheim. Thomas von Aquin erklärte die Spiele zur Lebensnotwendigkeit wie den Schlaf und andere Erholungen, ihre Betätigung könne deshalb als verdienstlich, die Unterlassung als verwerflich gelten. Mag er dabei nur an gymnastische Spiele gedacht haben, im Grunde ist auch jedes andere Spiel Erholung und deshalb der Erhaltung der menschlichen Lebenskraft zuträglich. Während das Bürgerliche Recht die Verpflichtungen aus dem Spiel den Naturalobligationen zurechnet, gleichgültig, ob klagbar oder nicht, steht die Theologie auf dem Standpunkt, der Spieler sei vor seinem Gewissen zur Einhaltung der Spielabmachungen verpflichtet.
Mit Rücksicht auf das Ansehen des Priesters verbietet die katholische Kirche den Klerikern das Glücksspiel, wie es ihnen auch die Teilnahme an der Jagd verbietet. Beides gilt nicht als Sünde, sondern für den geistigen Stand unziemlich.
Von früheren Moraltheologen nahmen insbesondere Alfons von Liguori und Franz von Sales Stellung zur Frage des unerlaubten Spiels, in neuerer Zeit der Franzose Deshages (1767-1842) in seiner Schrift Theologie catholique. Er sieht die Voraussetzung für das erlaubte Spiel in folgenden Punkten:

  1. Der Spieler muß frei über seinen Einsatz verfügen können, darf also nur sein eigenes Geld riskieren, und auch dieses nur, soweit er die Mittel nicht für die Zwecke seiner Existenz verwenden muß.
  2. Der Spieler muß sich im Vollbesitz seiner moralischen Freiheit befinden. Darum sind ausgeschlossen Minderjährige, Betrunkene und sonst anomale Menschen.
  3. Das Spiel muß ehrlich durchgeführt werden.
  4. Die Gewinnchancen müssen für alle Spielteilnehmer die gleichen sein.

Verwerflich ist das Spiel, wenn Zeit und Ort moralisch anfechtbar sind, das Verhalten der Spieler zu Skandalen Anlaß gibt, wenn die Umstände zu Exzessen verleiten, wenn Geiz oder Habsucht erweckt, wenn Berufspflichten verletzt werden.
Im Lexikon für Theologie und Kirche erklärt Prof. Hilgensteiner: öffentliche Spiele, z. B. Staatslotterien und selbst Spielbanken, seien an sich nicht zu beanstanden, könnten sogar als Quelle staatlicher Einkünfte und durch eine geordnete Befriedigung des Spieltriebs gute Dienste leisten. Gewiß seien Spielbanken mit Gefahren verbunden (das sind auch Börsenspiel und Wetten bei Pferderennen und Fußball), aber noch gefährlicher wirkten sich unkontrollierte Spielhöllen aus, denen die Spielleidenschaft bedauernswerte Opfer zuführe.

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