Rechtsprechung

Ein Artikel aus der Rubrik Glücksspiele.

Eine Betätigung, die, vielleicht etwas überraschend, in Beziehung zum Glücksspiel gebracht werden kann, ist die Rechtsprechung. Im angelsächsischen Prozeßverfahren mittels der Geschworenen ist zum Beispiel ein Element des Zufalls nicht unerheblich beteiligt. Der Urteilsspruch ist zwar der Preis, um den die Rechtsanwälte kämpfen, und man kann davon ausgehen, daß sie das in bester Kenntnis der relevanten Tatbestände tun. Diese Konkurrenz der an der Rechtsfindung beteiligten Fachleute wird jedoch zum Glücksspiel, und zwar insofern, als das Ergebnis, das Urteil, von einer unbekannten Größe beeinflußt wird: der kollektiven Geistesverfassung der Geschworenen.
Man darf nicht vergessen: Ein gefühlsbetontes Plädoyer bringt nichts ein bei Geschworenen, die eine solche Taktik durchschauen. Dennoch mag das bei einer Jury von Vorteil sein, die sich aus einfach denkenden Leuten zusammensetzt. Clevere und erfahrene Juristen wissen solche Umstände zu nutzen – freilich nicht ohne gelegentlich Schiffbruch zu erleiden. Dem Richter bleibt nicht viel mehr übrig, als Beweise und Gegenargumente zu verdeutlichen, die Regeln des Spiels, d. h. des prozessualen Verfahrens, durchzusetzen. Im Angelsächsischen beruht jedenfalls das Ergebnis jeder gerichtlichen Verhandlung, bei der Geschworene den Schuldspruch fällen, auf der Urteilsfähigkeit der zwölf Geschworenen, Menschen, die durch Zufall zu diesem Amt bestimmt wurden und deren Kenntnis oder Unwissenheit, persönliche Stimmung, Vorurteile unbekannt und unvorhersagbar sind.
In anderen Rechtssystemen spielt der Zufall womöglich eine noch größere Rolle. Die Bewohner der Andamanen-Inseln haben eine Art menschlichen Roulettes entwickelt. Das sieht so aus: Der der Tat Verdächtigte steht in der Mitte eines von Tänzern gebildeten Kreises. Unter den Tänzern befindet sich der Ankläger und die Vertretung der verletzten Partei. Rhythmus und Ablauf des Tanzes werden von einem Trommler bestimmt, dessen Augen verbunden sind. Schuld ist erwiesen, wenn der Ankläger dreimal hintereinander, angehalten durch die “Musik” des Trommlers, hinter dem Verdächtigen stehenbleibt. Nun, man darf annehmen, daß das nicht sehr häufig der Fall sein wird, die Bewohner der Andamanen sind freundliche Menschen, sie schwatzen und sie singen gern, und sie scheinen für Verbrechen weniger Zeit zu haben als andere Völker. Wenn es einmal zu einem “Prozeß” kommt, warum soll man ihm nicht den Charakter des Rouletts geben?

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