Roulette System-Spieler

Ein Artikel aus der Rubrik Glücksspiele.

Roulette System-Spieler sind Spieler-Typen, die fest auf ein mathematisch errechnetes oder auch nur ein mystisches System schwören, das ihnen dazu verhelfen soll, die Bank zu sprengen. In Spielcasinos heißt man diese Spieler mit offenen Armen willkommen. Denn den Casinos ist es nur zu gut bekannt, daß die Bank auf lange Sicht immer gewinnen wird, weil sie den sogenannten günstigen Prozentsatz schon im voraus von den Wettquoten abzieht, in dem sie über die Null mitspielt und da sie nur begrenzte Einsätze zuläßt. Davon aber scheinen die System-Spieler nicht zu überzeugen zu sein.

Diese Vorteile muß sich die Bank im übrigen sichern, falls sie im Geschäft bleiben will. Denn die beiden Faktoren der unbegrenzten Zeit und des unbegrenzten Spielkapitals, mit denen sie theoretisch rechnen muß, sind ansonsten unschlagbar. Daher ist aber auch das sogenannte Verdoppelungssystem, das im übrigen zu den bekanntesten und am meisten angewandten “Systemen” gehört, ebenso zum Scheitern verurteilt wie der Versuch, systematisch die Bank zu sprengen.

Nun kann es durchaus vorkommen, daß ein “System” bei einem Spiel oder mehreren Spielen hintereinander zum Erfolg führt, wie im Falle von Charles Deville Wells, der im Jahre 1891 innerhalb von drei Tagen mit dem sogenannten “Martingale”-System sein Spielkapital von 400 Pfund verhundertfachte. Aber das gleiche kann durchaus eintreten, wenn man ohne System spielt. Die Wirkung von Systemen ist eigentlich mehr im psychologischen Bereich zu sehen: System-Spieler ziehen es vor, sich durch mathematische Selbsttäuschung den Blick auf die harten und unangenehmen Tatsachen des Roulette zu verstellen. Auf diese Weise lassen sich Enttäuschungen leichter verdrängen. Jedenfalls gilt, daß Systeme nur eines bewirken können: Verluste in der langen Serie zu verringern. Aber dazu würde man bereits mehrere Jahre eines ununterbrochenen Spiels benötigen.

Das Martingale-System geht von der falschen Überlegung aus, daß im Falle einer Serie gleicher Chancen mit gleichen Ergebnissen beim nächsten Mal eine Wendung eintreten müsse. Wenn, um ein Beispiel zu nehmen, Rot fünfmal hintereinander gewonnen hat, müsse man beim sechsten Mal auf Schwarz setzen. Kommt trotzdem Rot, wird der Einsatz verdoppelt und auf Schwarz gesetzt. Falls aber Schwarz gewinnt, wartet der Spieler eine weitere Fünfer-Serie ab, die er “durchbrechen” will.

Das “umgekehrte Martingale-System” besteht darin, daß man nach jedem Verlust den Einsatz verdoppelt und nach jedem Gewinn Einsatz und Gewinnsumme im Spiel läßt, wobei die Erwartung dahingeht, daß man achtmal hintereinander richtig wettet. Das würde bedeuten, daß man den ursprünglichen Einsatz 127fach zurückerhielte. Alle Martingale-Wetten zielen auf “gleiches Geld”, auf Verdoppelung, so daß die Ergebnisse bei der Beschränkung der Einsatzsumme nicht sehr hoch sein werden, dafür aber die Verluste um so empfindlicher sein können.

Das Martingale-System war schon im 17. Jahrhundert bekannt, aber weite Kreise wußten sich erst ab 1850 etwas darunter vorzustellen, nachdem William Thackeray seinen Roman “Pendennis” veröffentlicht hatte, in dem eine der Figuren enorme Summen verliert, weil er dem System blindlings vertraut hatte.

Das Martingale-System und die zahlreichen anderen Varianten des Verdoppelungs-Systems gehören zu den sogenannten “d’Alembert-Systemen” – eine Bezeichnung, die allerdings kaum zutreffend ist, denn der französische Mathematiker des 18. Jahrhunderts war der erste, der auf die Unzuverlässigkeit des sogenannten “Gleichgewichts-Gesetzes”, wie man es damals nannte, hingewiesen hat. “Dieses Gesetz”, so schrieb d’Alembert in seiner Untersuchung “Traite de dynamique”, “geht davon aus, daß sich die Ereignisse in einer unbegrenzten Serie ausgleichen, nicht jedoch in einer kurzen Folge…” Dennoch hat man ihm die Anwendung des „Gesetzes des Gleichgewichtes” auf die Verdoppelungssysteme beim Glücksspiel zugeschrieben.

Das sogenannte “Biarritz-System” wird von Spielern bevorzugt, denen das Martingale-System als zu wenig aufregend erscheint. Diese Spieler lieben es, mit einem Schlag das 35fache des Einsatzes herauszuholen. Das System basiert auf der Annahme, daß jede beliebige Zahl von Spielen nach einer Serie von 111 – d. h. dreimal 37 – Spielen zumindest einmal eine beliebige “en-plein-Zahl” bringen wird. Der System-Spieler muß also 111 aufeinander folgende Spiele beobachten, ohne einen Einsatz zu machen, und dabei jede Gewinnzahl notieren und ermitteln, wie oft sie erscheint. Erst dann wählt er eine Zahl aus, die weniger als zehnmal gewonnen hat und setzt sie “en plein”, wobei er von der Erwartung ausgeht, daß diese Zahl, sofern sie etwa nur neunmal vorher bei 111 Spielen gewonnen hat, wahrscheinlich während der folgenden 34 Spiele mindestens einmal gewinnt. Er nimmt in Kauf, daß er unter Umständen 34 Mal setzen muß. Falls die Zahl bei 34 Spielen immer noch nicht gewonnen hat, hat der Spieler verloren, ebenso, wenn die Null kommt, denn dann streicht die Bank die Einsätze ein. Falls die Zahl beim 34. Spiel gewinnt, erhält der Spieler 35 Einsatz-Einheiten zurück, also eine mehr als ursprünglich gesetzt. Gewinnt die Zahl allerdings beim ersten Spiel, würde sich der Netto-Gewinn auf das 35fache des Einsatzes belaufen.

Es gibt Varianten des Biarritz-Systems, so die, daß der Spieler nicht nur mit 34, sondern mit weiteren 111 Spielen kalkuliert und dabei nach dem 30. Spiel nach jeden weiteren zehn verlorenen Spielen den Einsatz erhöht. Er hätte damit 530 Einsatzeinheiten eingesetzt, wenn die Einsatzzahl bei weiteren 111 Spielen nicht erschienen wäre, und trotzdem 195 Einsatzeinheiten gewonnen. Wobei man natürlich davon ausgehen muß, daß die Bank es mit ihren Spielregeln vereinbar erklärt hat, daß man das Fünfhundertfache des Mindesteinsatzes plazieren darf. Außerdem aber: Wer garantiert, daß nicht irgendwann während der 111 Spiele die Null auftaucht …?

Kapitalkräftige Spieler ziehen es oft vor, auf nur eine Zahl zu setzen, bis sie schließlich gewinnt, und dann die Gewinnsumme – das 35fache des Einsatzes – auf der gleichen Zahl stehen zu lassen, wobei sie hoffen, daß diese Zahl beim nächsten Spiel noch einmal gewinnt und sich der ursprüngliche Einsatz 1225fach (d. h. 35 mal 35) auszahlt. Vorsichtigere Spieler sind der Meinung, sie könnten eher mit einem “Cuban” genannten System gewinnen. Dieses System beruht auf der Annahme, daß, weil die dritte Vertikal-Kolonne des Spieltisches nur vier schwarze Zahlen gegenüber acht roten aufweist, es möglich ist, einen kontinuierlichen Gewinn zu machen, wenn man bei jedem Spiel zweimal setzt, und zwar: Ein Einsatz auf Schwarz und eine Kolonnen-Wette auf der dritten Kolonne. Der “Mathematik” zufolge soll gleichzeitiges Setzen auf schwarz und die Zahlen 3, 6, 9, 12, 15, 18, 21, 24, 27, 30, 33, 36 nach 37 Spielen jedenfalls einen Überschuß der Gewinnsummen über die Verlustsummen ergeben.

“Ausstreichen” wird ein etwas realistischeres System genannt. Der Spieler notiert die Zahlen 1 bis 10 in einer Kolumne und setzt die Summe der Anfangs- und Endzahl, also 11 Einsatz-Einheiten, auf eine Verdoppelung. Gewinnt er, streicht er Anfangs- und Endzahl der Zahlenreihe durch und nimmt die beiden neuen Anfangs- und Endzahlen (9 plus 2 = 11), also elf Einheiten als Einsatz. Gewinnt er erneut, so folgt die gleiche Prozedur und er setzt wiederum elf Einheiten ein. Verliert er, so addiert er elf Einheiten zu der untersten Zahl und setzt diese neue Summe Einheiten beim nächsten Spiel. Er tut dies solange, bis er alle Zahlen seiner Reihe ausgestrichen hat. Falls er nicht sein Kapital erschöpft oder die Einsatzsummen-Grenze des Casinos erreicht, wird er 55 Einsatz-Einheiten gewonnen haben, wenn alle Zahlen ausgestrichen sind.

Fortgesetzt werden Systeme erfunden und “um-erfunden”, wobei nur die Bezeichnungen wechseln. Bei den Bezeichnungen spielen häufig ganz mystische Titel eine bevorzugte Rolle. Da ist die Rede von der “schwarzen Magie”, “dem Himmel des Spielers”, den “Planeten” und so fort. Bei der Wahl solcher Namen wird darauf angespielt, daß der betreffende Spieler auf geheimnisvolle Weise Nutzen daraus ziehen könne, wenn er eine der “mystischen” Glückszahlen wie die Sieben oder die Neun zu der zuletzt siegreichen Zahl addiert. Es gibt ein Buch, verfaßt von “Croupier X”, mit dem Titel “The Sealed Collection of Systems” (Geheime Sammlung von Systemen). “Croupier X” schreibt: “Ich glaube fest an die Unfehlbarkeit von Mustern, Zyklen und Sequenzen: Ich bin der Meinung, daß es im Leben bestimmte immer wiederkehrende Ordnungsabläufe gibt, die, wenn man sie zur rechten Zeit erkennt und nutzt, dauerhaftes Glück in reichlichem Maße verheißen.”

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