Roulettepsychologie

Ein Artikel aus der Rubrik Glücksspiele.

Bemühungen um die Problematik des Roulettespiels sind so alt, wie das Spiel selbst. Alle bisher versuchten Lösungen endeten mehr oder weniger in theoretischen Erwägungen. Verfehlt wäre es, mit mathematischen Formulierungen Schwächen im Aufbau des Spiels zu suchen. Die Praxis hat jedenfalls nie eine Bestätigung des Wertes solcher Formulierungen erbracht. Mehr Beachtung verlangt eine andere, unwägbare, in ihren Auswirkungen aber bedeutungsvollere Tatsache, nämlich die, der “Spiel-Atmosphäre”. Im Negativen bleibt ihre Wirkung nur bei dem, der prinzipiell nicht spielt. Wer aber spielt, wird auch von ihr berührt. Täglich können wir die Intensität ihres Einflusses beobachten. Den Gewinner vermag sie übermütig, den Verlierer kopflos zu machen. In beiden Fällen bringt sie Verwirrung. Als Verbündete der Bank ist sie für diese ein erhebliches Aktivum.

Wir kennen doch alle den Vorgang: der Spieler betritt mit der festen Absicht, nur sein “System” zu spielen, den Saal. Während er sich am Tisch über die zuletzt gefallenen Nummern informiert, fasziniert ihn schon eine andere, von seinem Spiel abweichende Setzmöglichkeit. Unterliegt er diesem ersten Angriff der Spiel-Atmosphäre, so ist er schon mit dem Bazillus “Unsicherheit” infiziert, eine Infektion, mit einem fast immer letalen Ausgang. Solche Fälle menschlicher Inkonsequenz müssen unberücksichtigt bleiben, wenn wir die Frage stellen, ob sich ein Dauergewinn an der Roulette erzwingen läßt. Alle in dieser Richtung angestellten Berechnungen gehen von der einen Tatsache aus, daß der Spielverlauf, ganz gleich auf welche Chancen bezogen, immer das Bild einer Kurve zeigt. Mathematisch wäre es möglich, spieltechnisch aber undenkbar, daß die Kugel bei einhundert Coups einhundertmal in ein rotes Feld rollt. Das Gesetz der Wahrscheinlichkeit findet seine Bestätigung darin, daß bei einer bestimmten Anzahl Coups Rot und Schwarz, genau wie alle anderen Chancen, sich ausgleichen.

Diese Tatsache würde die Möglichkeit schaffen, mit dem Spielbeginn so lange zu warten, bis die Kurve sich recht weit von ihrer Basis entfernt hat. Alle Coups, die die Kurve zum Ausgangspunkt zurückführen, wären demnach Gewinne.

Ein Faktum, das diese Möglichkeit, wenn auch nur um ein Geringes, mindert, ist die siebenunddreißigste Zahl des Tableaus, das Zero. Ihr Erscheinen läßt die Sätze auf alle einfachen Chancen nicht nur unbezahlt, sondern vermindert sie für den nächsten Coup um die Hälfte ihres Wertes.

Spieler und Bank sind also, schon in diesem einen Punkte, keine mit gleichen Kampfmitteln ausgestatteten Kontrahenten. Rechnerisch beträgt der Vorteil der Bank etwa 1,8 % bei den einfachen Chancen – bei den übrigen ist er noch höher! Der Gewinnmöglichkeit der Bank in Höhe von 50,9 % steht die des Spielers in Höhe von 49,1 % gegenüber.

Mit der Frage, ob dieser deprimierenden Tatsache etwas entgegenzusetzen ist, berühren wir den Kernpunkt des Rouletteproblems.

Um es vorweg zu nehmen: es ist ihr Überzeugendes und Entscheidendes entgegenzusetzen.

Aber die letzte Entscheidung über Erfolg oder Mißerfolg liegt beim Spieler selbst. Sein Vorteil, übrigens sein einziger gegenüber der Bank, besteht darin, daß er sein Spiel beenden kann, ohne an eine Konvention gebunden zu sein. Er allein bestimmt es. Ein Ignorieren dieses Vorteils ist auch mit dem besten Spielsystem nicht gut zu machen. Hier liegt der neuralgische Punkt des ganzen Rouletteproblems. Ihn unerwähnt lassen, hieße halbe Arbeit leisten. Diesem, sagen wir, psychologischen Teil des Spiels gelten die Roulette Leitsätze. Mit ihnen läßt sich die Überlegenheit der Bank zu einem guten Teil kompensieren.

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