San Marino

Ein Artikel aus der Rubrik Spielcasinos.

Seit vor 1600 Jahren der christliche Steinmetz Marinus vor den heidnischen Schergen des römischen Kaisers Diokletian in die Titanerberge floh, dort die Bären vertrieb, die Einöde in fruchtbares Land verwandelte und den Störenfried Satan in eine Schlucht stürzte, war die Gemeinschaft um die Klause dieses heiliggesprochenen Mannes frei, keiner fremden Herrschaft untenan. Bis heute blieb dieser Kleinstaat, San Marino, unangetastet in seiner Freiheit. Doch macht auch diese Republik nach dem zweiten Weltkrieg eine Wandlung durch. Der Autoschlosser Ermenigildo Gasparoni, ein vor Mussolini geflüchteter Kommunist, kehrte aus Frankreich und Spanien heim und errichtete eine Volksdemokratie, von der das offizielle Organ kühn behauptete, sie sei unabhängig von der italienischen kommunistischen Partei, vor allem von der Kominform. Der Diktator Gasparoni ernannte sich zunächst einmal zum Direktor der Staatlichen Transport-Gesellschaft mit ganzen sechs Wagen. Manches ließ aber vermuten, daß er und der Generalsekretär der örtlichen Gewerkschaften, Lino Celli, doch insgeheim Ratschläge von außen erhielten.
Zum Zeichen seiner Macht setzte Gasparoni ein großzügiges Bauprogramm in Gang. Plötzlich jedoch meldete die Staatskasse ein Defizit von 200 Millionen Lire, etwa 10 Millionen Euro. Wie sollte dieses Defizit von seinen bescheidenen Untertanen gedeckt werden? – Ein ersehnter Rubelscheck traf nicht ein. Dafür aber das Angebot von Genueser Finanzleuten, dem bedrängten Staat gegen Erteilung der Konzession für eine Spielbank a la Monte Carlo zu Hilfe zu kommen. Zuerst verhüllte der Diktator das Haupt vor solchem Ansinnen. Die Genueser versprachen aber außer der Spielbank noch ein Hotel mit 100 Betten und außerdem 100 Millionen Vorschuß für die Staatskasse. Bot sich hier nicht eine großartige Möglichkeit, den Kapitalismus zu Schwächen? Ihm dauernd sein Geld abzuzapfen, zur Stärkung der Volksdemokratie? – Die Genueser erhielten die Konzession.
Die Bischöfe von Rimini und Montefalco protestierten sofort! Das Seelenheil der Marineser war in Gefahr. Aber am selben Tag, als der Priester das bischöfliche Verdikt von der Kanzel verlas, leuchteten in dem einzigen Konzertsaal, dem provisorischen Casino, die Neonlampen auf. Dreißig aus dem Ausland importierte Croupiers bedienten 5 Roulette- und 3 Baccaratische. Das Casino war eröffnet.
Croupiers im Smoking bedienen nun die bösen Kapitalisten. Jemand hörte den tüchtigen Gasparoni kurz nach Eröffnung des Spiels sagen: Klappt die Sache, sind wir gerettet; klappt sie nicht, packen wir unsere Koffer.

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