Spieleraberglaube

Ein Artikel aus der Rubrik Glücksspiele.

Nirgends vielleicht treibt der Aberglaube so tolle Blüten wie im Bereich des Glückspieles. Das ist ganz begreiflich. Wo mit verstandesmäßiger Überlegung nichts auszurichten ist, wo die Vernunft dem Menschen auf seine Frage keine Antwort gibt, dort wendet er sich an das Orakel.

Die Marotten, die die Abergläubischen ausgeheckt haben, gehen ins Uferlose. “Drei” und “Sieben” sind Glückszahlen, die “Dreizehn” ist eine gefürchtete Unglückszahl. Andere wieder schwören darauf, daß gerade die Zahl “Dreizehn” für sie besonderes Glück bedeutet. Ein Schornsteinfeger bringt Glück. Eine Nonne, eine alte Frau, eine Katze, die einem über den Weg läuft – und man darf sich nicht an den Spieltisch wagen.

Es gibt Spieler, die sich niemals ohne ihren Talisman an den Spieltisch setzen, ob es nun ein gläserner Elefant oder ein Affe aus Jade ist, ein Glücksklee oder ein goldenes Hufeisen. Heidnische Amulette sind nicht weniger beliebt als Madonnen- und Heiligenbilder. Andere wieder glauben steif und fest, daß bestimmte Personen die Fortuna des Spieltisches zu ihren Gunsten beeinflussen können. Sie spielen nur mit ihrer “Mascotte” an der Seite oder sie lassen sogar die Einsätze von ihrer “Mascotte” auf den grünen Tisch werfen. Oft erwacht ein Aberglaube ganz plötzlich und unerwartet an einem Spieltisch. Eine Gruppe von Spielern bildet sich auf einmal ein, daß ihre Pechsträhne durch das schwarze Ridikül hervorgerufen wird, das eine harmlose, alte Dame vor sich liegen hat. Durch Klopfen auf Holz und andere Beschwörungen sucht man dem widrigen Zauber zu entgehen, und alles atmet auf, wenn die gute Alte endlich ihren Platz am Spieltisch verläßt.

Neben dem allbekannten Aberglauben gibt es eine Unzahl selbst erfundener Orakel, die dem Spieler heilig sind. Der eine setzt sich prinzipiell nur mit einer weißen Krawatte an den Spieltisch, ein anderer wagt die Jetons nur mit der rechten Hand zu berühren, ein Dritter verläßt augenblicklich den Tisch, wenn ein Mann mit äinem schwarzen Vollbart neben ihm Platz nimmt. Tritt ein Buckliger an den Spieltisch, so kann man beobachten, wie sich die Spieler um ihn drängen, ihn anzustreifen oder zu berühren suchen, denn das bringt Glück! Viele Gewohnheitsspieler wählen den Tisch auch nahe dem Croupier, der ihn bedient. Der eine der Croupiers scheint ihm Pech zu bringen, mit einem anderen sympathisiert er, weil er einmal durch seine Hand gewonnen hat.

Die Aufzählung der abergläubischen Zeremonien und Marotten ließe sich ins Unendliche fortsetzen. Wenn man ehrlich ist, muß man sagen, daß der abstruseste Spieleraberglaube und die tollste Orakelbefragung ebenso vernunftswidrig ist wie das, was der Systemspieler tut. Vielleicht hat sogar der Instinkt des Abergläubischen mehr Chancen am Roulettetisch, als die PseudoWissenschaft derjenigen, die den Zufall mit mathematischen Formeln berechnen wollen.

Wie weit sich manchmal der Spieleraberglaube versteigt, möge an einem kleinen Beispiel bewiesen werden. In einem Buch über mehr oder weniger “unfehlbare” Systeme schreibt die Verfasserin:
“Ich möchte ein sehr mysteriöses System nicht unerwähnt lassen, das in Monte Carlo allgemein bekannt ist und auch gern gespielt wird. Ehe jemand darüber abfällig urteilt möchte ich den Rat erteilen, zuerst Versuche anzustellen. Jeder aufmerksame Beobachter wird die Erfahrung machen, daß oft an den verschiedenen Tischen, an denen er vorüberkommt, immer dieselbe Gewinn-Nummer ausgerufen wird. Ob das Zufall genannt werden kann, will ich dahingestellt lassen. An einem Tisch kommt z. B. als Gewinnzahl die 11 heraus, man geht zum Nebentisch, besetzt die 11 en plein, Transversale oder Carre und man wird sich über das sonderbare Eintreffen mit der Zeit wundern. Mit dieser Spielart kann man sehr gut gewinnen.”

Das heißt, den Aberglauben zum System machen und es ist anzunehmen, daß man sich mit der Zeit darüber wundern wird, wieviel Geld man mit dieser “mysteriösen” Spielart verloren hat.

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