Sündenbock

Ein Artikel aus der Rubrik Glücksspiele.

Ein “Spiel”, allerdings ein schrecklicheres, hat die amerikanische Schriftstellerin Shirley Jackson in ihrer Erzählung Die Lotterie beschrieben. Danach versammeln sich im Juni in einer typischen – allerdings fiktiven – amerikanischen Kleinsiedlung die Bürger, um einen Sündenbock zu wählen – einen Bürger, der für die Sünden, die von allen Dorfbewohnern in dem abgelaufenen Jahr begangen wurden, büßen soll. Jeder Einwohner der Siedlung zieht ein Los. Einer zieht das fatale Papier. Daraufhin geben er und die Angehörigen ihre Loszettel, neu markiert, noch einmal in die Urne. Es geht darum, welcher Familienangehörige der Sündenbock sein wird. Der Losinhaber wird vom Rest des Dorfes gesteinigt.
Die grausame Übung, Sündenböcke zu ermitteln, ist nicht nur eine Sache der Phantasie, sie wird auch weiterhin geübt. Sie spielt eine Rolle bei der Beschwörung guter Ernten, aber auch in zivilisierten Gesellschaften ist sie nicht unbekannt. Welche von zwei Ziegen am Tage der Wiedergutmachung geopfert werden soll, bestimmt zum Beispiel im Bereich des mosaischen Glaubens das Los. Der Rabbi überträgt seine und die Sünden seiner Gemeinde auf die andere Ziege, die dann der Wildnis überlassen wird. Sie entkommt dem Tode zwar, der ehrenvollen Opferung an Gott, aber sie erleidet die Strafe der Entehrung durch die Sünde – die dadurch gekennzeichnet ist, daß sie weiterhin eine unerträgliche Last mitschleppen muß. Natürlich handelt es sich um ein Symbol.

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