Thomas Garcia

Ein Artikel aus der Rubrik Berühmte Spieler.

Jeder leidenschaftliche Spieler hat im geheimen wohl den Wunsch, nur ein einziges Mal dem Zufall soviel Millionen zu entreißen, wie der Spanier Thomas Garcia, der in den 30er Jahren des vorletzten Jahrhunderts als Vertreter einer Korkfabrik aus Barcelona zum ersten Mal in Paris an den Spieltisch trat. Der junge Mann war 23 Jahre alt.
Paris erlebte damals den letzten Aufschwung einer bürgerlichen Gesellschaft, die noch von den Ekstasen der Revolution, den Spannungen der napoleonischen Ära und auch schon von tiefgreifenden Erschütterungen im Wirtschaftsleben verwirrt und bedroht war. In Wirtshäusern, in den Häusern der Reichen, im Salon Frascati, im Cercle des Etrangers, im Palais Royal, in unzähligen Spielklubs, überall lagen die Karten auf den Tischen, und die Elfenbeinkugel der Roulette rollte. Hasard war ein Volksspiel.
Garcia versuchte sein Glück gleich in einem Klub, von dem man sagte, es werde dort gefährlich hoch gespielt. Garcia wollte hoch spielen, nur so konnte er hoch gewinnen. Und er gewann so hoch, daß er vom ersten Spieltag an nur von seinem Gewinn leben konnte.
Das Jahr 1838 hatte für Frankreich das Verbot der Glücksspiele gebracht. Der Bürgerkönig Louis Philippe versuchte damit, dem Volk entgegenzukommen. Der Erfolg war, daß in Frankreich geheime Spielhöllen wie Unkraut aufblühten, aber das Große Spiel, die Roulette, emigrierte nach Deutschland und dem übrigen Europa. Garcia folgte ihm. In den Spielbanken aller Länder saß er am Spieltisch, am Roulettetisch, bei den Karten, am liebsten bei Trente et Quarante. Er spielte meist auf kleine Chancen, aber mit Maximum. Das große Spiel auf Plein spielte er nie. Seine jeweilige Geliebte und ein Verwandter, ohne die er sich niemals zeigte, mußten die gleiche Chance setzen. Dadurch warf er den doppelten und dreifachen Höchstsatz ins Spiel.
Sein Gewinn stieg ins Märchenhafte. Märchenhaft wurde der Luxus seines Lebens. Auch er verlor Hunderttausende, aber im nächsten Augenblick warf ihm das Glück Millionen in den Schoß.
Seine Persönlichkeit ist in vielen zeitgenössischen Berichten festgehalten. Was am meisten bewundert wurde, war seine unerhörte Ruhe beim Spiel: ein Mann ohne Nerven! Dabei war er keine Torero-Gestalt. Dick, mit aufgedunsenem, ausdruckslosem Gesicht saß er am Spieltisch. Er trug den Knebelbart a la Napoleon III., die Finger voll kostbarer Ringe, auf seinem mit höchster Eleganz geschnittenen Frack strahlte ein Brillantkreuz, das einen hohen Orden vortäuschen sollte. Das Bild eines Emporkömmlings. Er erschien im Spielsaal nur im großen Gefolge von Freunden und Schmarotzern.
In seiner Monographie des bedeutendsten Spielbankhalters, Francois Blancs, des Zauberers von Homburg und Monte Carlo, gibt Conte Corti aufgrund der livres de jeu der Spielbank Homburg genaue Zahlen über die Gewinne und Verluste Garcias im Homburger Spielsaal.
Zum erstenmal setzte Garcia am 24. August 1860 im Spielsaal Homburg den Höchstbetrag bei Trente et Quarante auf einfache Chance, wie üblich mußte auch sein angeblicher Bruder oder Schwager, ebenso seine Freundin den gleichen Satz ausspielen. Garcia gewann nur 28 000 Franken, am zweiten Tag aber 169.000 und am 26. August 110.000, verlor aber am 27. August 329.000. Am 28. August gewann er jedoch in einer Stunde 260.000, verlor wieder 44.000 und gewann am anderen Tag 240.000.
Als nach dieser Gewinnsträhne Garcia ausblieb, glaubte die Bank das Geld verloren geben zu müssen. Aber am 9. September erschien Garcia wieder im Spielsaal. Die Direktion telegrafierte sein Erscheinen an Blanc in Paris. Garcia gewann 300.000 Franken, verlor aber gleich wieder 56.000. Der folgende Tag war für ihn ein Großkampftag. Gold und Banknoten häuften sich vor ihm und schmolzen wieder weg, zuletzt hatte er 457.000 verloren. Aber schon am 11. September gewann er wieder 178.000 Franken. Für den nächsten Tag kündigte er seinen allergrößten Coup an. Angesichts einer großen Anzahl Zuschauer gewann er tatsächlich 168.000. Plötzlich hielt er inne, ging an einen anderen Tisch und gewann zum Staunen der Zuschauer, die ihn dicht umdrängten, innerhalb einer Stunde 200.000. Da legte seine Freundin die Hand auf seine Schulter, er stand auf, verließ den Spielsaal, verließ Homburg. Er hatte nahezu 800.000 gewonnen. Seine Abreise setzte die ganze Bankverwaltung in höchste Aufregung, ebenso die Regierung. Blanc selbst kam nach Homburg, um zu beruhigen, besonders die Aktionäre. Hierbei wies der erfahrene Fachmann auf die wertvolle Reklame hin, die solche Gewinne eines Spielers für das ganze Publikum bedeuteten. Er behielt recht, besonders als der Figaro eine packende Schilderung des Spielverlaufs veröffentlichte, wodurch in aller Welt der Eindruck erweckt wurde, mit einem bißchen Glück könne man in Bad Homburg im Handumdrehen ein reicher Mann werden. Die Gäste strömten nach der Rouletteburg Bad Homburg.
Aus dieser Zeit wird von einem merkwürdigen Wettkampf zwischen Garcia und einem Engländer, Mr. Burg, berichtet. Der Engländer rechnete mit einem Ausgleich des Glücks: Einmal müsse der Spanier verlieren. Was tat er? Er setzte sich Garcia gegenüber und spielte jedesmal die Gegenfarbe Garcias. Das Spiel ging lange Zeit hin und her, die Bank hatte nichts anderes zu tun, als den Verlust des einen dem anderen zuzuschieben. Zuletzt endete der Kampf mit einem Verlust von 96.000 für den Engländer.
Wie eine drohende Wolke schattete Garcia über der Bank in Homburg. Blanc hatte ihr eine Million zur Verfügung gestellt, sollte Garcia noch einmal erscheinen. Garcia aber überraschte die anderen Spielbanken mit seinem Glück. Erst am 22. Oktober 1861 betrat er wieder den Homburger Saal mit einem Kapital von nur 13.000, die er in 20 Minuten verlor. Nach einigen Stunden erhielt er aus Paris telegrafisch 10.000, die er ebenfalls im Nu verspielte. Rubinstein gab gerade ein Konzert in Homburg. Garcia erinnerte sich, daß er dem berühmten Pianisten 20.000 geliehen hatte. Er schickte zu Rubinstein, erhielt die 20.000, setzte sofort den Höchstsatz auf eine einfache Chance, gewann und gewann bis zu 129.000, verlor sie aber wieder bis auf 15.000. Darauf verließ er Homburg, sein Glück an anderen Banken zu versuchen.
Er reiste wieder von Casino zu Casino. Berichtet wird, er sei 1863 in Monte Carlo erschienen und habe gleich am ersten Tag 48.000 gewonnen.
In diese Zeit fällt wohl das merkwürdigste Erlebnis dieses kühnen Spielers. Man erzählt, er sei in Baden-Baden mit einer Prinzessin erschienen, der er wie ein Artist sein Spiel vorführen wollte. Er habe aber dauernd verloren. Nach einem Verlust von 200.000 forderte er die Prinzessin auf, eine andere Bank zu besuchen. Dort wolle er die Lektion zu seinen Gunsten durchführen. Wahrscheinlich besuchten sie Wiesbaden. Garcia setzte immer den Höchstsatz von 12.000 auf Rot. Schlag auf Schlag kam Schwarz heraus. Alle Spieler sammelten sich um den berühmten Spieler. Zäh und ruhig setzte Garcia auf Rot. Er verlor. Immer verlor er. Eine ungeheure Spannung erfüllte den Saal. Plötzlich bittet er, das Maximum zu erhöhen. Die Bank erklärt: Wir halten jeden Einsatz! Entgeistert starrt alles auf Garcia, ruhig setzt er den fünffachen Höchstsatz auf Rot. Die Farbe der Frau, sagt er lächelnd. Schwarz kommt, 60.000 verloren! Er verliert noch weiter, bis ein kläglicher Rest von 20.000 vor ihm liegt. Die dramatische Situation scheint zu Ende. Garcia setzt die 20.000 auf Rot und gewinnt. Er läßt Einsatz und Gewinn stehen, gewinnt. Von den 80.000 zieht er 20.000 ab. Als wollte die Göttin seine Beharrlichkeit, seinen Glauben an sie krönen: unaufhörlich fällt Rot. Weiter spielt Garcia um das Fünffache des Höchstsatzes. In wenigen Coups hat er den Verlust von Baden-Baden wieder eingebracht und eine Million gewonnen. Jetzt zeigt sich der kühne Spieler. Er spielt nicht mehr um Geld, er spielt um seine Ehre. Jeden anderen hätte die Spannung zum Erliegen gebracht. Garcia spielte weiter und gewann eine zweite Million.
Gnädigste Prinzessin, so habe ich es immer im Leben gehalten. Für eine schöne Frau setze ich nur auf Rot, die Symbolfarbe der Frau. Das Glück gab mir recht. Damit erhob er sich, beendete die Lektion, umjubelt vom Publikum.
In der Generalversammlung der Bank von Homburg am 5. März 1862 kam es zu schweren Auseinandersetzungen, die einen Wechsel in der Direktion herbeiführten. In die abklingende Aufregung platzte am 25. April Garcia herein. Er spielte mit wechselndem Erfolg, letzten Endes jedoch ohne Glück, er verlor 117.000. Am 26. April ließ er der Bank 47.000, am 2. Mai sogar 273.000. Diesen Verlusten standen am 1. und 9. Mai Gewinne von insgesamt 159.000 gegenüber. Garcia verließ Homburg diesmal mit Verlust, kam aber im Juli wieder, gewann einmal 48.000, verlor aber am 29. Juli 194.000. Er ließ sich 120.000 kommen. Als auch diese verloren waren, mußte er sogar 5.000 Franken Reisegeld von der Bank annehmen.
Aber Garcia fuhr nicht ab, er saß tatenlos herum, im August kam er wieder in den Spielsaal. Sein Glück schien jedoch zu Ende zu sein. Er spielte unsicher und ohne Erfolg. Was war geschehen? Man erzählt, die Liebe habe ihn um das Spielerglück gebracht.
In der Zeit seiner Armut hielt er sich offenbar in Wiesbaden auf, in sehr traurigem Zustand. Der frühere Croupier der Wiesbadener Bank, Christian Glücklich, erzählt in seinen Erinnerungen: Eines Abends sei am offenen Fenster des Spielsaals ein alter Mann erschienen, habe die Hände zu einem Paar am Spieltisch hingestreckt und einen Frauennamen gerufen. Die Dame habe sich nur flüchtig umgesehen und ihren Begleiter gebeten, dem alten Mann am Fenster ein Almosen hinauszuschicken.
Der Mann am Fenster war Garcia, die Dame eine frühere Geliebte von ihm. In seiner glücklichen Zeit hatte er sie mit Gold und Schmuck beschenkt.
Nach welchem System Garcia setzte, konnte zu seiner Zeit niemand erkennen. Nach seinem Tode wollten einige das System durchschaut haben. Aber noch niemand hat nach diesem System das Glück Garcias zu seinem eigenen gemacht. Es scheint, daß Garcia sich von seiner Intuition leiten ließ. Das würde sein unglückliches Spiel nach der seelischen Erschütterung erklären.
Ähnliches wird auch von dem glücklichsten Spieler der Neuzeit berichtet, von Michael Graf Kortikoff.

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